Tiere

Ballsaison

Falters Zoo | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 27/16 vom 06.07.2016


Niemals“, schreie ich, als ich vor dem krokoledernen Thron meines Redaktionsführungsoffiziers knie. „Niemals werde ich eine Enthusiasmuskolumne zur Fußball-EM schreiben!“ Ungeduldig klackern harte Stoppeln eines Fußballschuhs auf dem Marmorboden.

„Österreichische Medienkonsumenten wollen zuerst über Fußball, dann Sport und schließlich auch über Tore informiert werden. Tore, nicht Tiere, außer es handelt sich um Schwalben“, informiert mich eine harte Stimme, die keinen Zweifel an meiner Abseitsstellung hat und es versteht, herzlich über eigene Witze zu lachen.

„Wie wäre es mit einem Porträt über Island-Ponys? Diese bewegen sich doch auch in der genetisch fixierten Gangart Pass“, versucht mir die mit einem Fußballertrikot bekleidete Chefin vom Dienst vergeblich zu helfen. „Fußball ist kein Sport, sondern eine Form der Herrschaftsausübung“, presse ich zwischen den Zähnen hervor. „Da wird mit Füßen getreten, Männer gedeckt und Blut gegrätscht! Erwartet nicht, dass ich bei diesem Götzendienst mitmache“, stöhne ich, als mich der Mahut mit der Spitze des Ankus, des Werkzeugs des Elefantenführers, auf die richtige Bahn dirigieren will.

„Wisst ihr denn nicht, wie differenziert und wunderbar dieser Lebensraum ist, auf dem krumme Fußballerbeine herumtrampeln? Eine mitteleuropäische Scholle besteht zu fünf Gewichtsprozent aus Bodenlebewesen. Etwa eine Milliarde Einzeller leben in den obersten 30 Zentimetern jedes Quadratmeters Erdreich, bis zu 100 Regenwürmer und circa 10.000 Urinsekten. Winzige Schneckenarten, Asseln, Tausendfüßler, Spinnentiere und Maulwürfe haben sich seit Jahrtausenden an diese real existierende, irdische Unterwelt angepasst und rücken in den Lücken zu meinem Entzücken voran“, reime ich gegen den Fußballhype an. „In einem fast mystischen Entstehungsprozess verbinden sich bei der Passage durch den Darm der Tiere Mineralstoffe mit organischer Substanz zu Humus, der Basis allen Lebens auf dem Festland!“

„Haha“, lacht die wuchtelwettende Redaktion unisono. „Tiere im Fußballrasen! Da ist ja wohl der Platzwart vor.“ Meine kritischen Anmerkungen zum überbordenden Gifteinsatz bei der Rasenpflege, die jedem Golfplatz zur Ehre gereichen würde, verhallen ungehört, als ich ins Stiegenhaus hinaus gekickt werde.


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