Buch der Stunde

Stell dich nicht so an, dir geht's doch gut

Feuilleton | Kirstin Breitenfellner | aus FALTER 27/16 vom 06.07.2016

Der Zweite Weltkrieg ist schon wirklich lange her. Sollte man meinen. Aber wenn Autorinnen und Autoren, die in den 1970er-oder 1980er-Jahren geboren wurden, feststellen, dass ihre persönlichen Leiden und Ängste zu dessen Hinterlassenschaften gehören, rückt er wieder ganz nahe. So etwa im Buch "Papa hat sich erschossen" (2014) von Saskia Jungnikl, Jahrgang 1981, in dem die Journalistin bei Recherchen nach dem Selbstmord ihres Vaters auf dessen Kriegskindheit stieß. Oder nun bei Matthias Lohre, Jahrgang 1976, der "Das Erbe der Kriegsenkel" zum Hauptthema seines Buches macht.

Am Anfang stand die Ratlosigkeit. Lohre, als Redakteur für die taz und heute die Zeit erfolgreich, stellte mit Mitte 30 fest, dass er kein Leben führte, "sondern eine Null-Fehler-Existenz": stets verständnisvoll und fleißig, aber nicht glücklich. Doch hat er, aufgewachsen in Frieden und Wohlstand, überhaupt das Recht, sich zu beklagen?

Sein Vater ist bei einem selbst verschuldeten Verkehrsunfall ums Leben gekommen, seine Mutter bereits zehn Jahre tot, als er sich auf die Spurensuche nach ihrer Kriegskindheit begibt. Und herausfindet, dass genau jene Bedürfnislosigkeit und jenes Harmoniestreben das Problem waren. Lohre hatte gelernt, den traumatisierten Eltern nicht zur Last zu fallen, dabei hatten sie gar nichts außergewöhnlich Schlimmes erlebt, waren weder bombardiert noch verfolgt worden.

"Bis heute steht Kriegsenkeln wie mir das verinnerlichte ,Stell dich nicht so an, dir geht's doch gut' einer Heilung im Weg", schreibt Lohre. Sein Buch ist nur ein Beitrag zu einem mittlerweile recht gut aufgearbeiteten Thema. Aber es besticht durch den gelungenen Mix von historischer Recherche und persönlichem Bericht.

Man erfährt viel über die Hinterlassenschaften von Kriegen in den Köpfen und Herzen der nachfolgenden Generationen. Anhand von Matthias Lohres Biografie kann man dieses Erbe auch nachempfinden und sich dann womöglich selbst auf die Suche begeben. Am besten, solange die Eltern noch leben.


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