Ohren auf Neues von ECM

Spröde, spannend, nie bloß nett: Duo, Trio und Quartett

Feuilleton | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 28/16 vom 13.07.2016

Die jüngste Lieferung des Münchner Labels ECM kommt durchgängig in reduzierter Palette daher. Das getuschte Cover von "Narrante" etwa weckt Nippon-Assoziationen, was insofern irreführend ist, als beide Musikerinnen aus dem Iran stammen. Es sind Stücke mit sprechenden Titeln wie "Silenzio","Battaglia" oder "Parlando", bei denen Golfam Khayam nicht nur die Saiten, sondern auch den Resonanzkörper ihrer Gitarre benutzt, um Motive in ornamentaler Feinarbeit zu variieren, die von Mona Matbou Riahi mit schwebendem Klarinettenpneuma beantwortet werden; melancholische musikalische Mandalas, die in "Lamento-Furioso" auch ins Dramatische umschlagen.

Das Coverfoto von "In Movement" zeigt schwarzweiße Wischspuren. Schlagzeuglegende Jack DeJohnette betreibt auf diesem atmosphärisch eingängigen Album eine Art jazzhistorische Familienzusammenführung: Die Väter von Ravi Coltrane und Matthew Garrison spielten einst im berühmten Quartett dieselben Instrumente wie ihre Buben (bloß dass Matthew hier einen E-Bass und diverse Electronics bedient). Als Opener fungiert eine sehr kontemplative Interpretation von John Coltranes "Alabama". Am ehesten an den Papa erinnert Ravi im dynamischen Duett "Rashied", das im Titel wiederum auf dessen Schlagzeuger Rashied Ali verweist.

Durch die Kratzspuren auf dem weißen Covergemälde von "Tracé Provisoire" schimmert ein wenig Farbe. Ganz falsch ist das optische Signal nicht: Der Chamber Jazz des Dominique Pifarély Quartet ist von einer mitunter spröden Introvertiertheit und dennoch klar konturiert und äußerst klangfarbenreich. "Le regard de Lenz" betitelt sich ein Stück, und etwas von dem hochnervösen Blick, mit dem der arme Lenz bei Büchner aufs Gebirg, Gesträuch und Gewölk blickt, hat sich wohl auf die schneidend sensible Nervenmusik der vier formidablen Herren übertragen.


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