Doris Knecht Selbstversuch

Eher so je ne sais quoi, nur krampfiger

Kolumnen/Zoo | Doris Knecht | aus FALTER 28/16 vom 13.07.2016

Es herrscht hier auch eine Sommerbekleidungsresistenz. Am x-ten heißen Sommertag, den die Kinder in schwarzen Röhren und hellschwarzen Leiberln vertranspirieren beziehungsweise vom verordneten Sommerurlaubsbekleidungseinkauf mit dunkelgrauen Röhren und mittelgrauen Leiberln zurückkommen, schallt es aus der Mutter heraus: Himmel! Wollt ihr nicht auch mal was Buntes, Fröhliches, Fantasievolleres anziehen? Das ist schon wieder eine Herbst-Winter-Capsule-Collection! Es ist Sommer!

Die Teenager: Hellöhö? Schaust du manchmal in den Spiegel?

Gut, es herrscht hier ein allgemeiner Hang zur dunklen Röhre, auch mütterlicherseits: winters in stilvollem Schwarz, ein luftiges, fröhliches, federleichtes Dunkelblau im Sommer. Und es werden sommers die karierten Flanellhemden durch karierte Baumwollhemden und Bretons ersetzt. Wir lieben und bewundern den eklektischen New Yorker Style von Leandra Medine und Iris Apfel, tendieren selber aber doch eher zum Französischen, so je ne sais quoi, nur krampfiger.

Die Standard-Sommerbehauptung in diesem Haushalt lautet: Ich weiß nicht, was du hast, ich habe eh schöne Sommersachen. Standard-Gegenfrage: Wieso ziehst du sie dann nie an? Die Standard-Frühstücksfloskel: Wird's heute sehr warm? Scheiße. Die Standard-Ansage bei erwartbaren 30 Grad: Okay, heute zieh ich aber mal ein Kleid oder Shorts an. Das Standard-Statement an der Wohnungstür: Wart, sorry, eine Minute noch, ich muss mich nur noch schnell umziehen.

Wir haben immer Deo dabei. Andere mögen das als fantasielos und etwas gestört brandmarken: Wir sehen darin einen Willen zum gelebten Minimalismus, einen Ausdruck reifen, fertigen Stils.

Aber wie ich jetzt das schöne Badegewand umgetauscht habe, das mir die Zenker in einer idealistischen Größe geschenkt hat, bin ich in ein Sommerkleid gerannt, das so super ist, dass ich es nie wieder ausziehen werde. Alles an dem Kleid ist gut. Das Kleid ist in so vielerlei Hinsicht perfekt, dass ich erwog, es so zu halten wie ein Freund vom Land und es gleich zweimal zu kaufen, damit ich es bis in den Herbst hinein ununterbrochen am Leibe tragen und besagten Minimalimus ganz leben kann, ohne ihn durch lästige Waschunterbrechungen aufzuweichen. Jetzt außer vielleicht beim Rasenmähen. Andererseits riebe sich der Doppelkauf etwas mit dem minimalistischen Prinzip, obwohl Zwiebesitz durchaus Vorteile hat. Der Freund hat zwei Motorsägen, zwei Rasenmäher, zwei Kühlschränke, er besitzt wirklich alles zweimal, weil man ja nie weiß, ob das perfekte erste nicht unversehens tschari geht. Und jetzt, wo mein Rasenmäher kaputt und in der Werkstatt ist, wüsste ich einen zweiten zu schätzen, während ich zuschaue, wie der nicht nur von den Teenagern, sondern von niemandem nicht gemähte Rasen sich zu einer blühenden Blumenwiese auswächst. Zum Glück hat der Freund auf dem Land auch einen zweiten Schlüssel, und den hat der Horwath. Ich zieh mal eins der Kleider an und schaue rüber.


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