Agitprop gegen die Kulturrevolution: der Dissident und Aktionskünstler Ai Weiwei im Belvedere

Feuilleton | VORSCHAU: MATTHIAS DUSINI | aus FALTER 28/16 vom 13.07.2016

Wie ein Seerosenteppich wirkt die Installation des Künstlers Ai Weiwei im Wasserbecken vor dem Oberen Belvedere. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass das Gebilde aus Rettungswesten gemacht ist. Sie stammen von Flüchtlingen, die über das Mittelmeer nach Europa kamen.

Ai Weiwei ist im Belvedere zu Gast mit einer Gruppe neuerer Arbeiten. Der Künstler zählt zu den wichtigsten Vertretern der chinesischen Avantgarde. Er lebte zwölf Jahre in New York und kehrte 1993 nach Peking zurück. Bekannt wurde er durch seine Protestaktionen gegen die Regierung, bei einem Polizeieinsatz wurde er 2009 schwer verletzt. 2011 musste er wegen angeblicher Steuervergehen ins Gefängnis. Letztes Jahr bekam Ai Weiwei seinen Pass zurück und darf nun ausreisen.

Der Künstler nützt seine Prominenz, um auf politische Missstände aufmerksam zu machen. 2009 brachte er am Münchner Haus der Kunst einen Schriftzug an, der an die von den chinesischen Behörden vertuschten Opfer eines Erdbebens erinnerte. Die 9000 Schülerrucksäcke ergaben ein eindringlich-poetisches Bild über Leid und Verdrängung.

Derzeit beschäftigt sich Ai Weiwei, der auch eine Professur an der Berliner Akademie hat, mit dem Thema Flucht. Die Rettungswesten der schwimmenden Installation "F Lotus" waren vorher bereits in der deutschen Hauptstadt zu sehen. Ein zweiter Teil seiner Ausstellung "Translocation -Transformation" hat das 21er-Haus zum Schauplatz und beschäftigt sich -auch dies ist ein Leitmotiv des Künstlers -mit den Folgen von Maos Kulturrevolution.

Der Künstler ließ den Ahnentempel einer Teehändlerfamilie aus der Ming-Dynastie (1368-1644) wieder aufbauen. Die Wang-Familie zählte zu den wichtigsten Teehändlern der Provinz Jiangxi und unterhielt die Ahnenhalle bis zur Kulturrevolution. Dann wurden die Wangs vertrieben, der Tempel verfiel. Durch Ai Weiwei wird das Monument nun zum Mahnmal gegen den kommunistischen Bildersturm.

Bis 20.11. im 21er-Haus. Eröffnung: 13.7., 19.00


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