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Lektüre für Strand und Freibad

Feuilleton | aus FALTER 28/16 vom 13.07.2016

Eine romantische Komödie, die eine Mahnung vor der Endlichkeit im Titel trägt -das weckt Erwartungen. Und tatsächlich dribbelt René Freund die genretypischen Klischees (Mann vs. Frau, Stadt vs. Land) geschickt aus. Bei der Testamentseröffnung sieht sich die chaotische Pariserin Nora vor eine skurrile Aufgabe gestellt: Sie muss quer durch Österreich wandern, um die Urne ihres Vaters ins Tote Gebirge zu tragen, andernfalls geht das Erbe an die garstige Pharmaindustrie. Der Eingeborene Bernhard, ein notarieller Korinthenkacker, kommt mit. Das gibt Anlass zu allerlei Kabbelei.

Bernhards Mansplaining hat den Nutzen, dass man nach der Lektüre über alpine Spaltenbergung informiert ist. Natürlich hat die Pilgerreise für die beiden eine kathartische Wirkung, für ein billiges Happy End ist sich Freund jedoch zu schade. Dafür geht es sehr lustig zu. "Wie sehe ich aus?", fragte sie. "Wie Grace Kelly auf Crack."

DOMINIKA MEINDL

René Freund: Niemand weiß, wie spät es ist. Deuticke, 272 S., € 20,60

In dem Text "Ein alter Schuh ist auch ein alter Freund" bietet Martin Lechner eine Poetologie: "Ich suche eine Art zu erzählen, die alle Sinne entzündet." In der erzählten Welt gelte es sich zu verlaufen und die Spielräume des Irrwitzes aufzusuchen. Damit ist einem der Schlüssel für "Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen" in die Hand gegeben. Die locker aneinandergereihten Prosastücke sind Miniaturen über unerhörte Begebenheiten.

Da entdeckt eine Frau ihr Knie als autoerotische Zone und ein Pater wird zu einem bizarren Exorzismus gelockt. Von merkwürdig beseelter Materie wird berichtet, von einer rachsüchtigen Puppe und einer allzu körperlichen Zugtoilette. Einer hört nicht auf das "Gebell seines Verstandes" und ein "Rüschenbiest" ist die falsche Trauerkleidung. Experimentelle Literatur ist an sich nur bedingt für den Strand zu empfehlen, aber Lechner geht sehr pfiffig vor.

DOMINIKA MEINDL

Martin Lechner: Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen. Erzählungen. Residenz, 168 S., € 19,90


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