Film Neu im Kino

Erstarrte Trauer, virtuelles Museum: "Risttuules"

Lexikon | SABINA ZEITHAMMER | aus FALTER 28/16 vom 13.07.2016

Im Juni 1941 wurden zehntausende Menschen aus Estland, Lettland und Litauen auf Stalins Befehl deportiert. Viele wurden erschossen, viele starben an Hunger und Erschöpfung durch die Zwangsarbeit in den sibirischen Wäldern. Erst Jahre nach Stalins Tod konnten die Überlebenden in ihre Heimat zurückkehren.

Mit "Risttuules - In the Crosswind" nimmt sich der estnische Regisseur Martti Helde dieses Verbrechens auf außergewöhnliche Weise an. In seinem Schwarz-Weiß-Film wird nicht gesprochen, nur die Stimme der Hauptfigur, Erna Tamm, Mutter einer kleinen Tochter, leitet durch die Geschichte. Der Kommentar beruht auf Briefen und Berichten von Überlebenden, die Helde zusammengefügt hat.

Noch einschneidender aber ist die Tableautechnik, die "Risttuules" in Richtung eines virtuellen Museums rückt. Sind die Bewegungen zu Anfang, als die Familie glücklich ist, traumwandlerisch verlangsamt, erstarren sie mit ihrer Verhaftung völlig. Und bleiben es, bis Erna ihre Freiheit wiedererlangt. Die Kamera bewegt sich in aufwendigen Fahrten durch diese Szenen, in denen nur Licht, Ton und Wind lebendig sind und manchmal jemand blinzelt -als wären es Fotografien, in die man hineingehen kann.

Den kontemplativen Charakter unterstreicht das Voice-over, das großes Leid und Poesie vereint. Es gäbe kein Wort für eine Frau, die ihr Kind verloren hat, schreibt Erna ihrem Mann. Schwarz sticht dabei das Grabkreuz ihrer Tochter im Birkenwald hervor, in dem Erna steht.

Gewiss, eine Aufarbeitung in Form eines konventionellen Dramas würde unmittelbarer berühren und der Einsatz der Tableaus büßt im Laufe des Films an Faszination ein. Doch Heldes sehenswerte Trauerarbeit schöpft ihre Kraft gerade daraus, dass sie ganz langsam ins Bewusstsein der Zuseher sickert.

Ab Fr im Stadtkino im Künstlerhaus (OmU)


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