Stadtrand Urbanismus

Selten so gut Schlange gestanden

Birgit Wittstock hasst Warten trotzdem. Egal worauf

Stadtleben | aus FALTER 29/16 vom 20.07.2016

Geduld ist ja nun nicht unbedingt eine jener Eigenschaften, die den Wiener ziert. Gewöhnlich genügen zwei Vordermenschen, um Wartende an der Supermarktkassa in Saft gehen zu lassen und laute "Kassa bitte!"-Rufe auszulösen. In der Bank, auf dem Amt oder in Arztwartezimmern würde sich das natürlich keiner trauen, deshalb wird dort umso theatralischer Stoß geseufzt und mit den Augen gerollt, um den Skandal des Lebenszeitverlusts zumindest nonverbal zu kommunizieren.

Ganz anders, wenn es sich um angesagte Goodies handelt. Etwa um veganes Bio-Eis, um Berliner Döner oder von Hand belegte Pastrami-Sandwiches - da ist dann plötzlich sogar das Schlangestehen cool oder zumindest so was wie ein Statement. So auf: "Seht mal, in was für einer hippen Schlange ich stehe!" Als würde der Nimbus des Produkts auch auf die geduldig Wartenden ausstrahlen. Und plötzlich geschehen für Wien so ganz untypische Szenen: Man plaudert nett mit dem Vordermann, und wenn er dann mit der Bestellung zögert oder mit Kleinstgeld zahlt, wünscht man ihm nicht die Pest an den Hals. Schlangenmagie, das.


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