Noch einmal wirr

Das legendäre Grunge-Lokal in der Burggasse hat eine sommerliche Schwester

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 29/16 vom 20.07.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Und schon wieder Yppe. Aber da war doch früher nichts, oder? Stimmt, da zwischen dem Staud-Geschäft, der Brunnenpassage und den letzten Döner-Standeln der Brunnenmarktzeile war bisher eigentlich immer eine Freifläche. Jetzt nicht mehr, seit Anfang Juli steht da ein doch recht prominent platziertes neues Lokal, und das gleich auf zwei Stockwerken.

Sieben Jahre sei da zuvor verhandelt und geplant worden, erklären Andreas Knünz und Manuel Köpp, seit vier Jahren Betreiber des 1999 gegründeten Wirr in der Burggasse, sie seien erst vor acht Monaten eingestiegen und hätten das Lokal mehr oder weniger fertig übernommen. Sehr defensiv, aber klar, mit Anrainerprotesten wird wohl auch hier zu rechnen sein, ebenso wie es sie voriges Jahr beim Umbau des Marktamt-Gebäudes zum Ottakringer-Craftbeer-Lokal Yppenplatz 4 gab.

Immerhin, die Wirr-Leute legten Sensibilität an den Tag und engagierten etwa den Sprayer „Ruin“, das Innere des Lokals mitzugestalten. Denn der habe hier in der Gegend schon einiges gemacht, „und wir möchten uns hier möglichst integrieren, wenn schon neu gebaut wurde“. Und so erhielt das Wirr am Brunnenmarkt auch schon vom ersten Tag an sein typisch Wirr-mäßiges Grunge-Outfit, rostige Tische und Sessel, Wände mit Graffitikunst, Flohmarktmobiliar, Sitztreppen mit Pölstern, Wuzeltisch.

Und eben die Dachterrasse, „das Wirr in der Burggasse ist schließlich doch eher ein Winterlokal“. Das per Außentreppe erreichbare Terrassendach auf dem Wirr am Brunnenmarkt versucht man zwar, wie es scheint, auch ein wenig anti-schick hinzutrimmen, was mit Teakholzboden und Segeltuchmarkise aber nur halbwegs gelingt. Diese Terrasse wird zwangsläufig die Brücke des Wirr zur Proseccowelt sein.

Gut, der steht zumindest noch nicht auf der Karte, aber der Hugo, der Lillet-Spritzer, der Veilchen-Spritzer dürfen als Annäherung gesehen werden. Schöne, harte Cocktails gibt’s aber eh auch, offenes Bier von Villacher, Flaschenbier vom jungen Münchner Craftbeer-Macher Tilman Ludwig.

Das Angebot an fester Nahrung ist einstweilen noch winzig, da wolle man langsam hineinwachsen, meinen Knünz und Köpp, und zwar mit Hipster-Frühstück (Porridge, Shakshuka, Joseph Brot, Bananenbrot …) und Streetfood aus dem typischen Weltküchenpool des Wirr.

Vorige Woche gab’s recht gute Samosas mit Hühnerfüllung und eher weihnachtlich angelegtem Rote-Rüben-Gemüse (€ 6,20) und einen gegrillten Wrap mit Schafkäse, Zucchini und Melanzani, auch recht gut (€ 5,20). Das Wirr am Brunnenmarkt wird funktionieren, keine Frage, die Kombination aus Location, Terrasse und dem, was junge Menschen halt gern essen und trinken, macht das sehr wahrscheinlich. Aber gerade das Fehlen jeglicher Überraschung ist halt auch ein bisschen schade.

Resümee:

Das „Winterlokal“ Wirr bekam ein „sommerliches“ Schwesterlokal am Yppenplatz – mit Streetfood, Spritzern und Dachterrasse.

Wirr am Brunnenmarkt
16., Brunneng./Schellhammerg.,
Tel. 01/402 30 98, Mo–Sa 9–23 Uhr


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