Selbstversuch

Oder ein Schnitzel auf dem Nebentisch

Doris Knecht ist nicht überzeugt


Doris Knecht
Kolumnen | aus FALTER 30/16 vom 27.07.2016

Auch diese Woche bekannte sich ein Teenager zum Vegetarismus, mit geröteten Wangen: "Du, ich möchte ab jetzt vegetarisch leben."

Beim Vorbringen des edlen Bekenntnisses zum Vegetarismus rechnen Teenager damit, dass sie nun von der Bobo-Mutter in die Arme geschlossen und fest gedrückt werden: gerührt ob des hehren Entschlusses des verantwortungsbewussten Nachwuchses, wenn auch mit einem kleinen Seufzer hinsichtlich des nun zu reformierenden Speiseplans. Sie rechnen nicht mit der Inquisition.

"Aha. Warum?"

"Wie warum?? Äh, weil es der Schurli auch schafft. Und ich will beweisen, dass ich das auch schaffe."

Falsche Antwort.

Schurli Horwath ist seit ein paar Monaten Vegetarier (ausgenommen Weihnachten, Ostern und Geburtstag). Und Horwath Jr. hat die imposante Sturheit seiner Kleinkindheit über die Jahre in einen beeindruckenden Ehrgeiz verwandelt. Wenn er etwas anfängt, dann zieht er das durch, diesfalls allerdings zur eher nicht so gewaltigen Begeisterung seines Vaters, eines aus Funk und Fernsehen bekannten Carnivoren. Ich war nicht dabei, als der junge dem älteren Horwath überbrachte, dass er ab jetzt fleischlos zu leben gedenke, aber der Seufzer vom älteren Horwath angesichts dieser Bekanntmachung muss ein tiefer und unglücklicher gewesen sein. Der Horwath liebt Fleisch und er weiß virtuos damit umzugehen. Der Horwath ist kein Vegetarier. Die Horwathin auch nicht, unter anderem weil sie sich überwiegend und gern von dem ernährt, was ihr der Horwath Gutes kocht. Der Horwath kocht jetzt oft zwei Menüs. Es taugt ihm nicht so.

Die eigenen Teenager dagegen haben eigentlich noch jede vegetarische Phase in dem Moment abgebrochen, in dem ein saftiges Stück gebratenes Fleisch auf den Tisch kam. Oder ein Schnitzel auf den Nebentisch. Oder ein Burger im TV: Machen wir doch heute einmal eine Ausnahme. Dabei blieb es dann. Einmal hat ein Teenager einen ganzen Monat lang durchgehalten; das war nicht der Teenager, der jetzt als überzeugter Vegetarier vor einem steht und nun schnell ein improvisiertes kleines Referat zum Thema Tierleid in der industrialisierten Agrarwirtschaft herunternudelt.

"Überzeugt mich nicht."

"Du bist mies."

"Isst du gern Gemüse, lieber als Fleisch? Die Wahrheit."

"Nein."

"Du hast also keine ideellen oder kulinarischen, sondern rein sportliche Gründe, weshalb du Vegetarierin sein willst? Weißt du was? Dann tragt das doch mit Sport aus. Ich unterstütze das jedenfalls nicht."

"Du unterstützt NIE was! Nie unterstützt du mich!"

"Du brauchst meine Unterstützung ja gar nicht. Du kannst es ja trotzdem machen, egal aus welchen Gründen. Müssen mir ja nicht gefallen, deine Gründe."

"Trotzdem!"

Zorniger Abgang des Teenagers, der dann doch kein Vegetarier wurde. Kein Thema mehr. Passt.


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