Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Die schönste Filmmusik der Welt der Woche


Stefanie Panzenböck
Feuilleton | aus FALTER 30/16 vom 27.07.2016

Die Nacht legt sich über den Augartenspitz, und die ersten bunten Werbungen flimmern über die Freiluftkino-Leinwand von "Kino wie noch nie". Es ist ein lauer, angenehmer Sommerabend, der sich an die Haut schmiegt und die ausgegebenen Decken überflüssig macht. Eingehüllt in einen Dschungel aus Hecken, Blumen und Beeten, durch den kleine Wege führen, finden die letzten Besucherinnen und Besucher noch einen Platz.

Am Programm steht "The Lodger - A Story of the London Fog", auf Deutsch "Der Mieter", ein Stummfilm von Alfred Hitchcock. Doch weder das sommerliche Blätterrauschen begleitet die Morde an den jungen blonden Frauen im London der 1920er-Jahre noch ein hübsches Geklimper vom Band, sondern - in Stummfilm-Tradition - wahrhafte Livemusik.

Der Akkordeonist Stefan Sterzinger und der Gitarrist Edi Köhldorfer sitzen der Leinwand zugewandt, konzentriert auf jede Bewegung, jeden Gesichtsausdruck der Darsteller. Ihr Spiel ist der Film, ihre Töne sind am Punkt. Düstere Klänge aus dem Akkordeon, vermischt mit hell-kreischenden Gitarrentönen, sind der akustische Ausdruck des zum Schrei geöffneten Munds einer Zeugin. Trippelt die Mutter in Sorge um ihre Tochter, die sich mit dem neuen Mieter abgibt, um die Ecke, erklingt schnelles, leises Klimpern, das erschrockene Innehalten übernimmt das Akkordeon.

Komponiert wird im Augenblick, die Musik ist mehr als das Begleiten eines Films, der zufällig keinen Ton hat. Die Musik schleicht sich in den Film ein, umgarnt und durchringt ihn. Schließt man die Augen, erzählen Gitarre und Akkordeon die Geschichte weiter. Am Schluss ist die Unschuld des Mieters geklärt und es ertönt zum letzten Mal ein Walzer. Wie ein zauberhaftes Abendlied.


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