Von erwachsenen Liebenden und ihrer ziemlich kindischen Verwandtschaft

Lexikon | KRITIK: MARTIN PESL | aus FALTER 30/16 vom 27.07.2016

Der Hinweg hat Spektakelcharakter: Nicht einmal die Anreise zum Amphitheater im griechischen Epidavros schlägt den Blick aufs Alpenland aus der Muttersberg-Seilbahn. Oben inszeniert Thomas A. Welte zum zweiten Mal "Shakespeare am Berg". Auf einem discobunt beleuchteten Stahlgerüst mit weißen Vorhängen und pinkem Brunnen bringt er mit fünf Schauspielern "Romeo +Julia" auf die Bühne. Die Tragödie um zwei todessehnsüchtige Teens aus verfeindeten Familien schüttelt Welte gendertechnisch durch: Einige Frauen spielen Männer, andere Rollen sind geschlechtsumgewandelt. Vor allem ist Romeo der zartfühlende Capulet, der verheiratet werden soll, und Julia die toughe, sich duellierende Montague. Das wirkt stellenweise erfrischend heutig, oft aber unglaubwürdig.

Während die Sympathien bei Shakespeare oft Nebenfiguren gelten, sind diese hier schmerzhaft karikiert: piepsende Girlies, ein krächzender Vater, ein wichsender Pater. Viele haben Sprachfehler wie aus dem Kinderfernsehen. Das tragische Liebespaar wirkt dagegen gar nicht pubertär, sondern angenehm erwachsen. Mit ihrer butterweichen Stimme betört Michaela Spänle den bärigen Philipp Scholz und das Publikum.

In der gelungenen Balkonszene treten sie einander irrtümlich auf die Füße und müssen lachen, sprechen zu laut und merken es -die kleinen Dinge beim "Zsammkommen", an die man sich später erinnert. Lange währt das Liebesglück nicht, der Tod zieht sich leider umso länger hin. Dafür ist die Fahrt ins Tal über dem beleuchteten Bludenz wieder ein Wahnsinn.

Bergarena Muttersberg, Nüziders, bis 6.8. shakespeareamberg.at


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