Literatur Tipp

Weltabgewandte Lyrikerin und Popstar in einem

SF | Lexikon | aus FALTER 31/16 vom 03.08.2016

Heuer entstand das Programm zum Lesefestival O-Töne in Zusammenarbeit mit der Germanistin und Literaturkritikerin Daniela Strigl. Neu ist, dass es jede Woche zwei Lesungen geben wird, eine davon von einer Debütantin oder einem Debütanten. Sensationellerweise liest diese Woche, flankiert von der Newcomerin Verena Mermer ("die stimme über den dächern"), Friederike Mayröcker im Museumsquartier. Auch mit 91 Jahren schreibt sie unermüdlich an ihrem großartigen Alterswerk weiter, das sich mit kaum etwas in der Literaturgeschichte vergleichen lässt. Aktuelles Beispiel dafür ist der Band "fleurs", mit dem sie heuer eine poetische Prosa-Trilogie abgeschlossen hat.

Auf ihre Art ist Mayröcker ein Popstar. Es braucht nur ein paar Stichworte, um sie zu beschreiben. Schwarze Stirnfransen, blasse Haut, schwarze Kleidung -schon hat man die wahrscheinlich bedeutendste deutschsprachige Lyrikerin unserer Zeit vor Augen, wie sie in der Buch-und Zettellandschaft einer ihrer beiden mit Papier angefüllten Wohnungen sitzt. Die Dichterin mit der Aura der weltabgewandten Melancholikerin ist eine sehr bekannte und gleichzeitig sehr wenig gekannte Autorin.

Sie hat in ihrer Laufbahn zahlreiche bedeutende Preise gewonnen, und nicht wenige meinen, ihr hätte der Literaturnobelpreis gebührt. Gelesen wird Mayröcker aber vor allem von Kollegen. Man wird sich schwer tun, auf die Schnelle jemanden zu finden, der ein Gedicht von ihr aufsagen kann. Ihr Werk besteht zu einem großen Teil aus bildreicher, sprunghafter, assoziativ wirkender Lyrik mit starkem Bezug zur Traumwelt. Und obwohl sie auch Prosa geschrieben hat, hat sich die langjährige Suhrkamp-Autorin dem Zwang zu erzählen verweigert: "Ich kann verstehen, dass die Leser umfangreiche Bücher mit viel Inhalt gerne haben. Aber das ist nicht meine Sache."

Museumsquartier, Arena21, Do 20.00


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