Menschen Sargnägel

Als Wien die Hauptstadt des Pop war

Falters Zoo | Lukas Matzinger | aus FALTER 31/16 vom 03.08.2016

Das Popfest ist ganz einfach ein toller Ort, ein wirklich schönes Stück Wien. Österreichische Musiker unterschiedlichster Bekanntheits- und Stilchargen bespielen ein Wochenende lang den Wiener Karlsplatz - und machen Spaß. Das steht hier nicht nur deswegen, weil das Line-up heuer neben der Fijuka-Sängerin Ankathie Koi auch von Falter-Popkritiker Gerhard Stöger zusammengestellt wurde. Doch waren in deren Festprogramm schon ein paar ziemlich wunderbare Momente inbegriffen.

Nehmen wir den Samstag, nehmen wir 22.30 Uhr, nehmen wir die Begebenheiten dieses einen Moments zusammen: Von der größten Bühne, die ein bisschen ironisch Seebühne heißt, weil sie auf Stelzen in den kleinen Teich vor der Karlskirche gepflanzt wurde, knallen Ogris Debris stabil ihren massenfähigen Deep House in die Gesichter des Publikums. Sie machen keine Fehler, die Welt, die sie vor sich aufbauen, hält.

Von ihnen aus gesehen rechts, in der Performance-Wiege Brut hat die Band des langjährigen Chefs von Universal Österreich, Hannes Eder, die Bühne betreten. Die Partie heißt Totgeglaubt und war lange, na ja, totgeglaubt und macht so schmutzigen, groben Rock/Post-Punk, dass er aus Manchester sein könnte - während er in Wirklichkeit aus Wiener Neustadt ist. Schon bald danach wird der langjährigen Popfest-Tradition gehuldigt und weiteren Besuchern der Einlass ins Brut verwehrt, was zur Folge hat, dass draußen immer unfassbar viele Menschen anstehen, um sich dann drinnen in einer halbleeren Halle wiederzufinden. Seltsamer Brauch, aber hey, in Berlin machen das die heißesten Clubs!

Der heißeste Club des Popfests ist das Heuer, wo zu jener Zeit ganz bescheiden zwei ehemalige Popfest-Kuratoren, nämlich der Musiker und Journalist Robert Rotifer und der Techno-DJ und Produzent Patrick Pulsinger, auflegten.

Ihnen gleich taten es zwei wunderliche, aber schöne Männer Anfang 40, die mit einer kleinen Anlage mitten im Resselpark standen und Disco, Funk und viele Remixes von der Platte spielten und die Menschen in ihrer Umgebung zu Freude und Tanz rührten. Auf Nachfrage konnte leider nicht einmal Kurator Stöger Auskünfte zu den unbekannten Disco-Helden geben. "Keine Ahnung", sagte er. Sie gehörten definitiv nicht zum Popfest-Programm, sagt er. Und trotzdem machten die beiden diesen Samstag diese Minute von 22.30 bis 22.31 Uhr zu der, die sie war.

Insgesamt sollen heuer an die 60.000 Leute beim Popfest gewesen sein. Die 180.000 Euro Förderung hat die Stadt Wien wahrscheinlich ganz vernünftig angelegt.

Ein paar Tage vor dem Popfest ist Wien Rufus widerfahren. Der Kanadier Rufus Wainwright, einer der besten Sänger unter der Sonne, gab ein Konzert im Wuk. Viel los war nicht, ist selten bei ihm. Doch wenn er dann da oben sitzt, mit seinem Klavier und seiner Gitarre und dieser Stimme, die er wie sechs weitere Instrumente spielt, ist er für jeden Zuhörer einzeln da. Am Ende haute der Mann, der schwul ist und seinen Samen in die Eizelle von Leonard Cohens Tochter einsetzen ließ, wahrscheinlich um eine Art kanadisches Super-Künstler-Gen-Kind zu zeugen, sogar noch "Hallelujah" raus, das Cover vom großen Opa. And the holy dove was moving too.


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