Film Neu im Kino

Schicksalsjahre einer Königin: "The Girl King"

MARTIN THOMSON | Lexikon | aus FALTER 31/16 vom 03.08.2016

Es ist nicht per se fragwürdig, wenn ein Historienfilm darauf abzielt, Mitgefühl für einen Absolutisten zu wecken. Immerhin wurde er in diese Rolle hineingeboren. Fragwürdig wird es erst, wenn einem seine persönlichen Eskapaden als ein sublimes Passions-Epos präsentiert werden. Immerhin ist es der geknechtete Pöbel gewesen, der von seiner oder ihrer Launenhaftigkeit substanziell betroffen war. Eine ungleichmäßige Kausalität, die wohl jedem System zu eigen ist, das auf einer Einpersonendiktatur beruht. Was passiert, wenn solche soziologischen Zusammenhänge ignoriert oder ihre Abwesenheit nicht zumindest durch formale Originalität kompensiert wird, lässt sich an "The Girl King" beobachten: Eine ganze Epoche schrumpft dann rasch zu einer kleinen Privatschnulze zusammen.

1644 übernimmt die gerade mal 18-Jährige Christina die Regentschaft über das Königreich Schweden. Sie lässt Prag überfallen, um ihre Bibliothek aufzustocken und treibt ihr Volk an den Rand eines Bürgerkriegs, weil sie Luther für eine Lusche hält. Während sich Protestanten und Katholiken in Europa an die Gurgel gehen, durchleidet sie eine spätpubertäre Pre-Life-Crisis. Hass auf die Mutter, Rebellion gegen ihren Ziehvater, Trennung von ihrer Zofe, die sie sich zuvor als Lustsklavin gehalten hat: Die Queen ist zu Recht not amused. Andererseits tut Regisseur Mika Kaurismäki so, als wäre sie eine Heilige, nur weil sie sich von ihren Hormonschüben leiten lässt und sich für die Philosophie der Aufklärung interessiert. Lächerlich, wenn dann René Descartes die Rolle des Hippie-Mentors zufällt und seine Theorien auf das Niveau von Floskeln aus einem Poesiealbum für Hedonisten verflacht werden. Und auch das Potenzial der an sich spannenden Gender/Queer-Aspekte wird an banale Soap-Szenarien verschenkt. Ein Jammer.

Ab Fr in den Kinos (OmU im DeFrance)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige