Empörung statt Depression - der Film "Der Wert des Menschen"

Feuilleton | FILMKRITIK: MICHAEL OMASTA | aus FALTER 32/16 vom 10.08.2016

Man macht die Umschulung und kriegt keinen Job. Mitten in einem Satz, als wäre man zu spät ins Kino gekommen, beginnt der Film. Thierry, der ihn sagt, ist Anfang 50, Maschinenbauingenieur und seit über einem Jahr arbeitslos. Langsam wird das Geld knapp, in ein paar Monaten wird er mit seiner Frau und dem behinderten Sohn nicht mehr auskommen damit. "Zeitverschwendung", pflaumt er den Mann vom Arbeitsamt an. "Sie verarschen einen."

Stéphane Brizé ist nicht der erste Filmemacher, der davon erzählt, wie Menschen durch den Verlust ihrer Arbeit gebrochen werden; in "Der Wert des Menschen" allerdings tut er dies mit geradezu lehrstückhafter Präzision. Von der Szenenführung sieht sein Film aus wie eine Dokumentation, besteht aus langen, ungeschnittenen Einstellungen, in denen die Kamera (Éric Dumont) dem Geschehen folgt und nicht umgekehrt, dieses nur für die Kamera inszeniert wird; zudem werden alle Rollen von Laiendarstellern verkörpert -mit Ausnahme von Thierry natürlich, der mit Vincent Lindon, einem veritablen Star des französischen Kinos, besetzt ist.

Thierry nimmt die Demütigungen, denen er auf der Bank, im Jobcenter und bei diversen Bewerbungsgesprächen ausgesetzt ist, mit wachsendem Gleichmut hin. Endlich bekommt er einen Job, wird Security-Mann in einem Kaufhaus. Die kleinen Diebstähle, die hier nicht zur Anzeige gebracht, sondern durch Feststellung der Personalien und Zwangskauf der Ware geahndet werden, klärt Thierry ruhig auf; doch dass er auch die Angestellten zu überwachen hat, wird zum Problem für ihn - die Filialleitung nutzt jede Bagatelle, um Personal abzubauen.

Gleichwohl ist "Der Wert des Menschen" kein deprimierender, sondern vielmehr ein kämpferischer Film. "Empört euch!" lautet seine Parole. Wie mies es um die Einkommensverteilung bestellt ist, erlebte Brizé, als er den am Film Mitwirkenden die tarifliche Mindestgage anbot. Die meisten dachten, das Honorar beziehe sich auf die gesamte Drehzeit; 400 Euro am Tag waren für sie unvorstellbar.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige