Doris Knecht Selbstversuch

Oder in einer netten Kaschemme am Meer


Doris Knecht
Kolumnen/Zoo | aus FALTER 32/16 vom 10.08.2016

Landleben mit Teenagern. Sie schlafen bis halb drei, maulen dich an, wenn du sie dann weckst, sind anschließend sehr müde bis 22 Uhr und maulen dich an, wenn du sie um halb drei ins Bett schickst. Wenn man mit ihnen an einem heißen, sonnigen Tag, bevor sie für ein paar Tage in die Stadt fahren, zum Teich fahren will, kann man von dem Moment, an dem sie sagen, sie sind jetzt fertig, bis zu dem Moment, an dem sie wirklich fertig sind, die Wäsche von der Leine abnehmen, falten und bügeln und dann gemütlich die Sofapolster samt Kissen von draußen in den Schuppen räumen, weil sich jetzt der Himmel zuzieht, dem man in aller Ruhe beim Zuziehen zusehen kann. Wie sie dann wirklich fertig sind und ins Auto klettern, ist der Zenker-Teenager, der auch mitfahren soll, nicht da. Als er angetapst kommt, hat er in einem kleinen mobilen Käfig die Ratten seiner Schwester dabei, um sie später mit in die Stadt zu nehmen.

Du willst die Ratten mit an den Teich nehmen?

Ja, wieso? Wo sollen die dann sein? Am Strand, bei den Hunden? Oder im Auto, bei so circa 70 Grad?

Äh, ja, stimmt. Wir bringen die Ratten zurück ins Haus, um sie später abzuholen. Ein heftiger Gewitterwind beginnt zu wehen. Einer der Teenager hat sein Handy vergessen. Erste Tropfen fallen, und jetzt brüllt man wie eine Verrückte los, dass einen das wirklich alles total anscheißt und man immer und JEDES Mal und so weiter.

Teenager: Hei Mutter, krieg dich ein.

Ich bin noch nicht fertig. Bitte sei einfach fertig. Wie redest denn du mit mir?!? Willst du aussteigen? Willst du aussteigen?! Steig aus!!! Jetzt sofort!

Jetzt beruhig dich, Mutter, chill. Da hinten ist es eh sonnig.

Der Teich liegt aber in der entgegengesetzten Richtung! Und ich chille, wann ich will!!!

Bitte, wir sind dann länger weg. Mach jetzt nicht so ein Theater.

Hinten wird geflüstert, dass das JE-DES Mal so sei, wenn die Frau ein Buch fertig schreibe, meine Güte, hoffentlich sei das bald vorbei.

Und ja, das stimmt. Aber, Frage: Hat schon einmal einer von euch einen Schriftsteller oder eine Schriftstellerin beim Schreiben eines Roman beobachtet? Nein? Ich auch nicht. Weil die nämlich, während sie das tun, in idyllischen Holzhütten auf einsamen Almen sitzen, ganz allein mit ein paar dekorativen Kühen und einer inspirierenden Aussicht. Oder in einer netten Kaschemme am Meer, ganz ungestört. Oder in einem Wellnessressort. Sie kochen jedenfalls nicht jeden Tag für ihre Teenager, räumen nicht permanent Zeug hinter ihnen her, machen nicht ständig den Chauffeur, und sehen nicht ihre wertvolle Schreibzeit verrinnen, während sie auf Teenager warten und wieder auf ihre Teenager wa

Ist ja schon gut, Mutter, ab heute Abend hast du Ruhe.

Ja. Und ich hab sie mir so verdient.


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