GRENZFALL

Vor einem Jahr brachen Flüchtlinge vom Budapester Hauptbahnhof Keleti Richtung Wien auf. 1000 Menschen gingen zu Fuß über die Autobahn. Der Kraftakt markierte die Wende in der europäischen Flüchtlingskrise. Erinnerungen einer Augenzeugin


ERINNERUNG: NINA BRNADA
Politik | aus FALTER 32/16 vom 10.08.2016


Foto: Nina Brnada

Foto: Nina Brnada

Ein Jahr war ich nun nicht mehr am Budapester Bahnhof Keleti. Jetzt, wo ich wieder in dieser hohen Bahnhofshalle aus dem Waggon des Railjet steige, kommt er mir vor wie ein alter Freund, den man nach langer Zeit wiedersieht, und man merkt, wie Zeit alles abschleift. Er ist immer noch derselbe, und doch ist er ein anderer.

Keleti ist noch immer schön und elegant, der Bahnhof wurde vor über 130 Jahren errichtet, einige Ecken sind noch nicht zu Tode renoviert. Heute weht zwischen den Zügen der Geruch von Puderzucker aus kleinen Bäckereien. Vor einem Jahr waberte hier der Gestank vom Schweiß tausender Menschen, die da tagelang festsaßen. Rund 3000 Männer, Frauen und Kinder lagen auf dem Boden in Zelten, die meisten in den Gängen unter dem Vorplatz von Keleti, wenigstens nicht in der prallen Sonne dieser heißen Sommertage. Gegessen wurde, was die umliegenden Imbisslokale hergaben: Pizza und Kebab, hin und wieder kauften die Mütter für ihre Kinder Obst. Die Schlange vor den wenigen Plastiktoiletten schien in diesen Tagen nie kürzer zu werden, es gab keine Duschen und keine ärztliche Versorgung. Es stank übel, egal wohin man ging.

Die Gänge des Bahnhofs Keleti sind heute Schauplatz austauschbaren Treibens, wie es an vielen anderen europäischen Verkehrsknotenpunkten stattfindet. Zügiges Schritttempo, ein Obdachloser, der auf dem Boden schläft, einer, der in der Ecke Violine spielt.

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