Apokalypse und Party

Jamie Hince kommt mit The Kills zum Frequency-Festival nach St. Pölten

Interview: Sebastian Fasthuber | Lexikon | aus FALTER 32/16 vom 10.08.2016


Foto: Kenneth Cappello

Foto: Kenneth Cappello

Keine privaten Fragen“, gab das Management von The Kills vor dem Interview mit Jamie Hince als Anweisung durch. Meint konkret: keine Fragen über seine Ehe mit Kate Moss. Der Musiker ist seit 2011 mit dem Model verheiratet, man lebt jedoch in Scheidung. Umso verständlicher, dass Hince versucht hat, sich mit Arbeit abzulenken und zusammen mit Sängerin Alison Mosshart nach fünf Jahren Pause mit „Ash & Ice“ wieder ein neues Album aufnahm. Am Wochenende treten The Kills beim Frequency-Festival auf.

Falter: Sie haben fünf Jahre pausiert. In der heutigen Musikwelt entstehen und enden in dem Zeitraum oft ganze Karrieren.

Jamie Hince: Das ist die Außensicht. Aus der Innensicht einer Band sieht es ganz anders aus. Wir waren mit dem letzten Album zweieinhalb Jahre auf Tour, haben die ganze Welt bereist. Später kamen ein paar ungeplante Sachen dazu. Private Probleme. Und gesundheitliche Schwierigkeiten. Meine Hand hat mir sehr zu schaffen gemacht, eine Zeitlang konnte ich überhaupt nicht Gitarre spielen. So sind die fünf Jahre schnell vergangen.

Was ist mit Ihrer Hand passiert?

Hince: Ich habe mir den linken Mittelfinger in der Autotür eingeklemmt. Sehr schmerzhaft, kann ich Ihnen sagen. Und eine ziemlich langwierige Sache mit vielen Operationen und einigen Rückschlägen. Eine Zeit lang sah es danach aus, als würde ich die ganze Hand verlieren. Durch eine Transplantation konnte das noch vermieden werden. Ich musste mein Instrument danach komplett neu lernen, weil ich den Mittelfinger nicht mehr verwenden kann. Mittlerweile klappt das sehr gut, man braucht all die blöden Finger gar nicht unbedingt.

Nachdem alles verheilt war, sind Sie ins Studio gegangen und haben die neue Platte aufgenommen?

Hince: So einfach war es leider nicht. Normalerweise habe ich auf Tour immer kleine Songskizzen geschrieben, bei der letzten Tour allerdings nicht. Ich musste bei Null beginnen. Es kam aber nichts. Man kann es ruhig eine Schreibblockade nennen. Ich hatte Angst, mir könnte überhaupt nichts mehr einfallen. Mein Privatleben wollte ich nicht zum Thema von Songs machen. In der Situation habe ich beschlossen, eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn zu machen, um neue Eindrücke zu bekommen.

Hat es funktioniert?

Hince: Das meiste, das ich in dem Zug geschrieben habe, hat es nicht auf die Platte geschafft, aber es war ein Anfang. Ich glaube, es war Flaubert, der gesagt hat: „Du musst einen Ozean trinken, um eine Flasche vollzupissen.“ So ist es manchmal mit dem Schreiben und der Inspiration.

Waren Sie ganz allein unterwegs?

Hince: Ja, ich wollte jede Ablenkung vermeiden. Ich habe mein Abteil während der zwei Wochen kaum verlassen.

Floss die Musik leichter raus als die Texte?

Hince: Ganz leicht. Das Problem sind die Texte. Ich kann in meinen 40ern nicht mehr naive Sachen schreiben wie „Ich lasse mir die Haare wachsen, um den Lehrer zu erschrecken“. Aber es gab in all den Jahren noch keinen Tag, an dem ich nicht total für die Musik gebrannt habe. Das Gute ist, dass wir nie eine Hitband waren oder uns den Druck machten, einen erfolgreichen Song schreiben zu müssen.

„Ash & Ice“ enthält viele kleine Soundspielereien. Wie kam es dazu?

Hince: Als die Sache mit meinem Finger passierte, beschloss ich, mir ein kleines Studio zusammenzustellen. In der Folge habe ich mit dem Equipment rumgespielt, das ich mir dafür angeschafft habe. Ich habe auf alten Synthesizern alles mögliche ausprobiert. Hauptsache, es erforderte nur eine Hand! (Lacht.) Im Ernst: Ich war immer ein großer Fan von Dub-Produzenten wie Lee Perry oder King Tubby und habe oft überlegt, wie ich diese Vorliebe in den Sound meiner Band reinbringen kann. Mit dem eigenen Studio ging das plötzlich.

Viele Bands haben nach 15 Jahren im Musikgeschäft den Spaß an der Sache verloren. Sie dagegen scheinen grad eine Art zweiten Frühling zu genießen.

Hince: Danke. Ich habe den Vorteil, dass ich mit Post-Punk und der Do-it-yourself-Bewegung sozialisiert wurde. Ich finde es bis heute schwierig, meine Tätigkeit als Musiker als eine Karriere zu begreifen. In solchen Kategorien denke ich einfach nicht.

Was hat es mit dem Albumtitel „Ash & Ice“ auf sich?

Hince: Irgendwann habe ich eine Zigarette in einem Drink ausgedrückt. Soll man nicht tun, kommt aber vor. Zuerst gefiel mir das Bild. Dann sprach ich es aus: „Ash & Ice“. Mit der Zeit wurde es wie ein Mantra für mich. Der Titel passt aber auch perfekt zu uns: Er klingt ein bisschen apokalyptisch und ein bisschen nach Party.

VAZ St. Pölten, 17. bis 20.8.


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