Ein Espresso beim Billa

Nikolaus Hartmann nimmt Kaffee wahnsinnig ernst. Jetzt hat er ein Lokal

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 32/16 vom 10.08.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Wenn ein Berliner Drehbuchautor einen Hipster-Kaffeeröster für eine endcoole Milieustudie skizzieren würde, dann sähe der Nikolaus Hartmann wohl ziemlich ähnlich: Hartmann studierte Architektur, beschäftigte sich mit Soundskulpturen, röstete seinen ersten eigenen Kaffee im ehemaligen Hühnerstall der Großeltern im sprichwörtlichen Unterstinkenbrunn; vor zwei Jahren gründete er seine Marke „Süssmund“, belieferte und performte im Jonas Reindl, unterhielt tagsüber die Kaffeebar im Brickmakers, lud regelmäßig ins Café Atelier in der Zieglergasse, wo Kaffee-Nerds dann unter sich waren. Und wenn’s geht, liefert Nikolaus Hartmann seinen Kaffee klimaneutral per Fahrrad aus.

Schafft man es aber erst einmal, sich von der eigenen Klischee-Arroganz zu befreien, und hört dem Nikolaus Hartmann ein bisschen zu, wenn er über Kaffee spricht, dann tun sich Türen auf. Hartmann weiß alles über Kaffee, über Herkünfte, über Anbau und Verarbeitung, übers Rösten, übers Lagern, übers Mahlen und übers Zubereiten. Und erklärt es einem auch so, dass man’s versteht, zumindest für kurze Zeit. Seine Kaffeebohnen bezieht er entweder von den Farmern direkt oder von anderen Händlern, die direkt beziehen, Herkunftstypizität, „Terroir“ sind ihm wahnsinnig wichtig.

Und seit kurzem hat er jetzt sein eigenes Geschäft. In der Wipplingerstraße, und zwar in einer ehemaligen Billa-Filiale. Die untrüglichen Supermarkt-Terrazzo-Fliesen sind noch da, der Rest wurde aus Paletten, Plastikkisten und Caritas-Möbeln arrangiert, so wie hippe Coffeeshops derzeit halt aussehen. In Regalen und auf Tischchen stehen die hübschen Packungen der Single Origins neben gestylten Kaffeeschalen aus Dänemark, auf der Bar stehen Müsli-Buffet und Croissant-Tablett neben den Hightech-Mühlen von Victoria Arduino und der funkelnagelneuen Espressomaschine ebendieses italienischen Erzeugers, mit der aktuell bei allen Barista-Weltmeisterschaften gearbeitet wird. Nicht nur optisches Highlight ist aber die alte „Mahlkönig“-Mühle, ein ganz spezielles Teil, mit dessen Mahlung Kaffee auf unerklärliche Weise einfach noch aromatischer werde, erklärt Barista Vedran Sormaz (übrigens ehemaliger ITler beim Falter), die ist für die Extra-Kaffees. Er wiegt die 19 Gramm Arabica aus Ruanda ab, lässt sie durch die deutsche Vertikalmühle, lädt das Espresso-Raumschiff mit Pulver, bedient den Computer.

Das Ergebnis ist sensationell, eine Kaffee-Creme, die nach Röstmandeln und getrocknetem Apfel schmeckt. Fantastisch. Es wird übrigens immer doppelter Espresso gemacht, erfährt man, das sei einfach besser. Wenn der Gast nur einen einfachen will, trinken sie den zweiten entweder selbst oder verarbeiten ihn zu Cappuccino. Alles für die Qualität. Man verlässt das Süssmund Koffein-angeregt und ein bisschen weiser.

Resümee:

Die jüngste von Wiens etwa zwölf guten Kaffee-Bars – und wahrscheinlich eine der kompromisslosesten von all diesen.

Süssmund
1., Wipplingerstraße 11
Mo–Fr 8–18, Sa 9–18 Uhr
www.suessmund.at


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