Buch der Stunde

Napoleon und andere "große" Männer

Florian Baranyi | Feuilleton | aus FALTER 33/16 vom 17.08.2016

Michael Gamper setzt sich große Ziele und entwickelt noch größere Thesen. Weniger wäre seinem Gegenstand, der Geschichte des "politischen Phantasmas" des "großen Mannes", auch nicht angemessen gewesen. Souverän bewegt sich der Kulturwissenschaftler durch die Literatur- und Geistesgeschichte vornehmlich des 19. Jahrhunderts. Dabei entsteht das Bild einer in Büchern herbeigeschriebenen, auf Bühnen herbeigespielten und durch symbolische Praktiken erzeugten Figuration von Macht, die in "großen Männern" wie Friedrich II. und Napoleon ihren Ausdruck fand.

Neben den Kapiteln über Schiller, Hebbel, Kleist, Hegel, Grabbe und Heine, die sein Kerngebiet betreffen, brilliert Gamper an jenen Stellen des Buches, in denen er die Entstehung des Pariser Panthéon und Napoleons Krönung in seine Geschichte der "Imaginärpolitik" des großen Mannes einbettet.

Dieses Konzept, das er gegen Michel Foucaults "Biopolitik" und Louis Marins "Symbolpolitik" konturiert, ist die theoretische Leistung des Buches. Mit ihm erklärt Gamper, wie Literatur und andere mediale Praktiken Räume erschaffen, die Realpolitik auffüllen kann, aber nicht muss.

Der Teufel steckt nicht im großen Konzept, sondern im philologischen Detail. Teilweise können die zitierten Ausgaben nicht eruiert werden, da sie keinen Weg ins Literaturverzeichnis gefunden haben.

Gampers Methode, die eigenen analytischen Termini in die Referate seiner Quellen so einzuflechten, dass mitunter keine Klarheit über die Urheberschaft der Argumente mehr besteht, wird besonders in den sehr dicht gedrängten "Vorgeschichten" zum Problem. Es ist ja inzwischen üblich, jedem Phänomen eine lückenlose Genealogie bis in die Antike herbeizuschreiben, aber hier wird die Lektüre der ewig gleichen Autoren (Aristoteles, Plutarch, Machiavelli, Hobbes) deutlich überspannt.

In der komprimierten Coda gelingt Gamper aber eine Skizze des "Nachlebens" des großen Mannes im 20. Jahrhundert, bei der die Umdeutung von "Größe" in "Führerschaft" überzeugen kann.


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