Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Schamhaarig

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 33/16 vom 17.08.2016

Tja. Bei diesem Cover musste man zuerst das Kleingedruckte lesen. Am Rand stand da: "Mit diesem Foto ging der Chefredakteur über seine bisherigen Grenzen hinaus: Eigenhändig suchte er Covergirl Gaynor Goodman, 25, unter Tausenden Talenten aus. Die schönen Palmen im Hintergrund gaben schließlich den Ausschlag. Foto: Keystone." Kennerinnen und Kenner wussten sofort, hier wurde die Kronen Zeitung parodiert. Auf dem Cover stand in großen Buchstaben: Wir können auch anders. Es war eine Parodie und ein Test: Würde die Auflage noch oben schnellen?

In etwas kleinerem Druck las sich die Coverzeile dann so: WIR möchten feststellen, dass wir uns mit diesem Foto keinesfalls identifizieren KÖNNEN. Es ist nur so, dass AUCH Falter-Leserinnen und -Leser ein Recht darauf haben, zu erfahren, wie rücksichtslos ANDERSwo um Auflage gekämpft wird. Im Boulevard-Duell Krone gegen täglich Alles ist jetzt sogar die Schamhaargrenze gefallen ..."

Der Hintergrund war absurd bis lächerlich, in gewisser Weise auch tragisch. Wolfgang Kralicek und Markus Wailand setzten sich mit einer Sensation auseinander. In der Krone war nicht eines der üblichen Keystone-Mädels erschienen, sondern ein weiblicher Akt, auf dem ein Ansatz von Schamhaar zu sehen war. Bildtext: "Mit diesem Foto gehen wir über unsere bisherigen Grenzen hinaus, in Bereiche der Kunst. Deshalb soll man betonen, dass es von dem Wiener Carl F. Panagl-Holbein stammt, dessen künstlerische Qualität schon mit vielen Preisen bestätigt worden ist."

Konkurrent täglich Alles verhöhnte die Krone mit dem Bild eines Mädchens im Bikini. Text: "Mit diesem Foto gehen wir über unsere bisherigen Grenzen hinaus ... ein, nicht im Bereiche der Kunst - dafür haben wir unsere Kultur-Seite ..." Kralicek und Wailand interviewten den Fotografen, der gestand, dass sich Hans Dichand selbst für Ware und Haare interessierte. Damit hatte der Arme zu viel gesagt. Dichand las den frechen Bericht, der Fotograf war seinen Job los. Das Falter-Cover verkaufte sich weit unter dem Durchschnitt.


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