Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Der beste Gipfelsieg der Welt der Woche

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 33/16 vom 17.08.2016

Die Rax hat zwei Seiten. Vorne tummeln sich die hektischen Massen, hinten herum wird es ruhig, steigen die geduldigen Geher die Pfade in die Höhe. Das Wilde Gamseck ist der am schwersten zu findende Aufstieg unter denen, die von Hinternasswald ausgehen, und der spektakulärste.

Man muss früh aufstehen, um den Bus zu erreichen, der vom Bahnhof Payerbach bis zum Talschluss fährt, wo die Wanderung anfängt. Der Beginn des Ausflugs am Reißbach entlang lässt den Gast in eine alpine Kulisse eintauchen: Wiesen mit Feuerlilien, das Rauschen des Baches und Rehe am Waldrand. Bei der Talstation einer Materialseilbahn trennen sich die Wege. Links geht es in Serpentinen zum Habsburghaus hinauf. Wer sich geradeaus hält, gelangt zur Bärenlochwand, die mit ihren Scharten und Rinnen an die Dolomiten erinnert.

Wir biegen aber rechts ab und gelangen nach zwei Stunden zum Einstieg der abenteuerlichsten und romantischsten Rax-Variante. Auf dem Wegweiser ist lediglich "Zahmes Gamseck" zu lesen, ein versicherter Klettersteig. Zufällig biegen zwei Steirer um die Ecke, die das Schild links liegen lassen und querfeldein Richtung Felsen stapfen. Dichter Nebel steigt aus dem Tal herauf und so sind die dialektalen Laute der Einheimischen eine willkommene Orientierung. Verblasste Markierungen lassen erahnen, wo es langgeht. Die Kraxelei verläuft über den Berggrat, man muss sich über große Steinbrocken hinaufziehen, sichere Tritte suchen im zerklüfteten Felsen. Tiefes Einatmen dämpft die Höhenangst. Jetzt nur nicht panisch werden, weil die roten Striche verschwunden sind.

Ein knappe Stunde währt die Flucht vor Ampeln und Schildern, den Begrenzungen der Zivilisation. Der Ruf der Wildnis hat dem Wanderer einen Glücksmoment beschert.


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