"Ein tiafes Stück mit Tiefgang"

Eva Maria Marold und Wilfried Scheutz spielen in "Die Tankstelle der Verdammten" im Stadtsaal

Lexikon | Interview: Stefanie Panzenböck | aus FALTER 33/16 vom 17.08.2016


Foto: Kenneth Cappello

Foto: Kenneth Cappello

Vermeintlich Düsteres steht als Sommerproduktion am Programm des Wiener Stadtsaals, „Die Tankstelle der Verdammten“, ein Rockmusical des bayrischen Autors, Liedermachers und Kabarettisten Georg Ringsgwandl. Sein österreichischer Kollege Thomas Maurer übersetzte den Text ins Wienerische. Die Musik kommt von den Polka Punks.

Chuck, gespielt vom Sänger Wilfried Scheutz, ist ein gestrandeter Vorstadtrocker, doch seine Freundin Angie (Nadja Maleh) glaubt an seinen baldigen Durchbruch. Als die Mutter (Eva Maria Marold) die Wohnung, in der sie leben, wieder zurückhaben will, beginnen auch die letzten Träume zu bröckeln und die Enttäuschungen nehmen ihren Lauf.

Im Interview erzählen Eva Maria Marold und Wilfried Scheutz, warum „Die Tankstelle der Verdammten“ trotz allem auch ein herzerwärmendes Stück ist und warum ihnen seine Sprache so gut gefällt.

Falter: Georg Ringsgwandl gab seinem Stück den Beinamen „lausige Operette“. Warum?

Eva Maria Marold: Es ist eine Sozialstudie über Menschen, die ein gutes Herz haben, aber durch die Umstände etwas sehr Derbes, Grausames und Grobes an den Tag legen.

Wilfried Scheutz: Als ich das Stück zum ersten Mal gelesen habe, dachte ich mir, der Reiz ist die vulgäre Sprache. Doch während der Proben bin ich draufgekommen, dass es ein ganz feines Stück ist, das nur an der Oberfläche brutal ist. Es geht um ganz hinige Leute, mit irrsinnigen Träumen, die aber im Grunde feine Seelen sind.

Wie äußert sich die Brutalität?

Scheutz: Es geht um verbale Gewalt, aber auch um Schlägereien. Die Geschichte handelt von Ventilen, um dieses nicht funktionierende Ganze erträglich zu machen. Alle haben einen gescheiterten Traum, versuchen daraus noch das Beste zu machen, belügen sich selbst, und wenn ihnen nichts mehr einfällt, werden sie brutal. Man soll sich durch die Oberfläche nicht täuschen lassen, das ist für mich der Inhalt des Stücks.

Scheitern alle Figuren?

Marold: Ja, bis auf die Fee. Das ist eine unwirkliche Gestalt, die hin und wieder auftaucht, als das gute Gewissen oder der moralische Zeigefinger. Sie ist eine Art Erzählerin, aber auch Mediatorin zwischen den Figuren. Die zweite Rolle, die ich spiele, ist die Mutter. Sie ist so wie viele Mütter, die ihre Söhne lieben, aber ihnen dann auch wieder vorwerfen, was sie für Versager sind. Selber hat sie aber auch ein verpfuschtes Leben.

Scheutz: In dem Stück schlummert viel Wärme. Es ist nicht nur tiaf, es hat auch Tiefgang. Thomas Maurer, der es vom Bayerischen ins Wienerische übersetzt hat, muss ein richtiger Forscher sein, weil er genau die richtigen Worte findet. Ich wohne jetzt seit 30 Jahren in der Nähe von Wien, und je länger ich da bin, desto mehr schätze ich die unglaubliche Kreativität der tiefen Wiener Sprache. Zum Beispiel: „Das hot an Lack“. Das hat man vor 40 Jahren gesagt, wenn man etwas ursuper gefunden hat.

Bedeutet Ihnen die Wiener Sprache auch etwas, Frau Marold?

Marold: Ich liebe prinzipiell den Dialekt und meine Muttersprache ist nicht Hochdeutsch, sondern eine Mischung aus Burgenländisch-Kroatisch und einem nordburgenländischen Dialekt. Mit meinen Kindern versuche ich trotzdem schön zu sprechen, aber die kennen gewisse Worte dann gar nicht. Wenn ich zu meinem Sohn sage: „Jetzt woarst aber ganz sche gfeanst!“, fragt er sofort: „Was heißt das Mama, was ist das Mama?“ Wie erklärt man „gfeanst“? Da steckt so viel drin. Gemein, hinterlistig, hinterhältig. In der Hochsprache müsste man manchmal vier Schachtelsätze bilden, um das auszudrücken, was in einem einfachen Dialektsatz steht.

Scheutz: Trotzdem empfindet man den Dialekt, wenn man in die Stadt zieht, häufig als Behinderung. Dass das auch Vorteile hat und auch ein Identitätsmerkmal ist, versteht man erst später

Welche Bedeutung hat die Tankstelle im Stück?

Scheutz: Die Tankstelle ist ein sehr schönes Bild, ähnlich wie der Bahnhof. Viele Leute lungern dort herum, obwohl sie nicht wegfahren. Es ist ein Sehnsuchtsort, weil theoretisch könnte man ja, irgendwann. Die Tankstelle ist eine Mischung aus Träumen – von den Autos, die man nicht hat, aber sie fahren dort vorbei und man kann sie sich anschauen – und Jour fixe. Man trifft sich und plaudert.

Sind gescheiterte Träume in Ihrer Künstlerkarriere auch ein Thema?

Scheutz: Mit 20 wollte ich einen Rolls-Royce haben, weil die Beatles einen hatten. Wenn ich heute einen bekommen könnte, ich würde ihn nicht einmal geschenkt nehmen, weil ich mich so genieren würde. Solche Dinge sind nur Placebo.

Marold: Gegen das Träumen ist ja nichts einzuwenden. Aber ich will keinen Lebensentwurf haben, an dem ich eisern festhalte. Je älter ich werde, desto leiwander finde ich es, keinen Plan zu haben. Das hat nichts mit Verantwortungslosigkeit zu tun. Man soll sich viel mehr umschauen, was sonst noch so Schönes links und rechts am Wegesrand blüht.

Stadtsaal 17.–20.8., 24.–27.8., 31.8.–3.9., 20 Uhr


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