Die Selbstzweifel eines Träumers: Der neue Film mit Viggo Mortensen

Feuilleton | Filmkritik: Michael Omasta | aus FALTER 33/16 vom 17.08.2016

Was für eine Familie! Ben Cash lebt mit seinen sechs Kindern in den Wäldern von Oregon. Er unterrichtet sie selbst: im Überleben, in Philosophie und Fremdsprachen, in der Kritik am Kapitalismus und am heutigen American Way of Life - statt Weihnachten feiert man lieber Noam Chomsky Day.

Es ist ein Szenario totaler Freiheit und Unabhängigkeit, das Regisseur und Drehbuchautor Matt Ross in seinem Film "Captain Fantastic" entwirft. Doch als die Handlung einsetzt, hat sich diese Utopie bereits als unhaltbar erwiesen. Ben (Viggo Mortensen) erhält Nachricht, dass seine Frau Leslie, die wegen Depressionen seit Monaten stationär behandelt worden war, sich die Pulsadern aufgeschnitten hat. In einem als Wohnmobil adaptierten Bus macht er sich mit den Kindern auf den Weg zu Leslies Eltern, um den letzten Willen der gläubigen Buddhistin zu erfüllen und ihre Beerdigung zu verhindern.

Die lange Fahrt nach New Mexico wird zum tragikomischen Roadmovie zurück in die Zivilisation. Plakativ werden Gegensätze aufgebaut. Die räuberische Mission "Essen aus dem Supermarkt befreien" ist von Erfolg gekrönt; doch wenn Bo, der älteste Sohn, sich auf dem Campingplatz um das Mädchen von nebenan bemüht, wird schmerzlich spürbar, wie völlig aus der Realität gefallen diese Familie doch ist. Kulminationspunkt ist die Trauerfeier, zu der Ben und die Kids wie eine Horde Hippies verspätet in der Kirche erscheinen.

"Captain Fantastic" ist kein Film über einen Superhelden. Im Gegenteil, es ist eine hochambivalente Geschichte und die Hauptfigur nur die freundliche Version eines durchgeknallten Anarcho-Genies wie Theodore Kaczynski, besser bekannt als "Unabomber", der seine einsame Waldhütte bloß noch verließ, um Universitätsangehörige und Fluglinien mit selbstgebastelten Sprengsätzen zu terrorisieren. Die Brüche, Selbstzweifel und Gewissensnöte eines solch entschlossenen Träumers allmählich sichtbar zu machen ist eine der seltenen Qualitäten dieses Films.


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