Ohren auf Süßer Eskapismus

Träumen, tanzen und der Realität entfliehen

Sebastian Fasthuber | Feuilleton | aus FALTER 33/16 vom 17.08.2016

Ein Verdienst von Acts wie LCD Soundsystem oder Franz Ferdinand ist, dass sich auf Rockkonzerten niemand mehr geniert zu tanzen. In der Folge haben sich viele Gitarrenbands Richtung Dance und Electropop entwickelt, mit höchst unterschiedlichen Ergebnissen.

Wie's gemacht wird, demonstriert der deutsche Musiker Marius Lauber alias Roosevelt. Als Jugendlicher spielte er Schlagzeug in einer Rockband, mit 18 übersiedelte er nach Köln und bemerkte, dass elektronische Tanzmusik wunderbar mit seinem Vorhaben zusammenpasst, melancholischeskapistische Popmusik zu produzieren. Sein in jahrelanger Arbeit entstandenes Debütalbum "Roosevelt" (City Slang) ist das Werk eines Perfektionisten. Jede kleine Melodie, jeder Groove passt genau da hin, wo er steht. Lediglich die Stimme kann nicht mithalten, nach ein paar Songs träumt man davon, Morten Harket würde den Gesang übernehmen. Das Ergebnis ist nichtsdestotrotz sehr gute Konsensmusik, die zu Hause wie im Club, zum Träumen und zum Tanzen funktioniert - etwas, das in den letzten Jahren abgesehen von Caribou oder Hot Chip nur wenigen Acts gelungen ist.

Einen ganz anderen Weg hat die englische Band Wild Beasts hinter sich. Die längste Zeit war ihre Musik eine verwirrende, aber auch beglückende Mischung aus Post-Punk und artifiziellem Pop. Auf ihrem fünften Album "Boy King" (Domino) überrascht sie mit funkigen Grooves und teils sogar schweinerockigen Gitarren. Während die Musiker sich bislang als kunstsinnige Außenseiter gaben, haben sie nun die Machos in sich entdeckt. Auch wenn es sich nur um ein Rollenspiel handelt, der Musik schadet es jedoch mehr, als es nützt.

Dass auch Dance-Music verstörend sein kann, beweist Róisín Murphy mit ihrem jüngsten Album "Take Her Up to Monto" (Pias). Trotz toller Momente und Sounds bleibt die Musik seltsam distanziert und kalt.


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