"Du musst dich auf deine Stärken konzentrieren"

Sie hatten schon gewonnen, jetzt müssen sie wieder an den Start. Lothar Lockl, Wahlkampfmanager von Alexander Van der Bellen, über den Kampf nach dem Sieg

Politik | Interview: Nina Brnada | aus FALTER 33/16 vom 17.08.2016

Noch nie hatte ein Wahlkampfmanager eine vergleichbar schwierige Aufgabe. Nach dem Sieg Alexander Van der Bellens bei der Stichwahl muss Lothar Lockl seinen Kandidaten noch einmal durch den Wahlkampf bringen. Alles von vorne, nachdem der Verfassungsgerichtshof am 1. Juli die Wahl vom 22. Mai für nichtig erklärt hat. Gewählt wird am 2. Oktober.

Wie geht man so einen Wahlkampf an? Wird Van der Bellen seine bisherige Strategie fortsetzen?

Falter: Herr Lockl, die beiden Präsidentschaftskandidaten erinnern zuweilen an Fußballer, die sich vor dem Elfmeter drücken wollen. Anstatt zu schießen, liegen alle auf dem Rasen und lassen sich die Waden massieren. Können Sie diesen Eindruck nachvollziehen?

Lothar Lockl: Das Spiel ist ja eigentlich schon abgepfiffen. Die Mehrheit der Österreicher hat eine Entscheidung getroffen, mit dem Sieger Alexander Van der Bellen. Jetzt hat derjenige, der damals die Niederlage einstecken musste, das Ergebnis angefochten. Um beim Fußballbild zu bleiben: Die Situation, die wir jetzt haben, ist keine Verlängerung. Das ist eine Wiederholung.

Läuft das Spiel schon? Man merkt nämlich nicht wirklich viel davon.

Lockl: Im Hintergrund ist diese Zeit die intensivste, gerade dieser Tage muss man sehr vieles vorbereiten. Es ist noch Urlaubszeit, aber schon jetzt engagieren sich bei uns sehr viele Bürgerinnern und Bürger. Es hat uns überrascht, dass sich nach der Veröffentlichung des Entscheids des Verfassungsgerichtshofs so viele Menschen bei uns gemeldet und gesagt haben, sie möchten mithelfen. Betriebsräte, die in ihren Firmen Überzeugungsarbeit leisten, Gewerkschafter, manche Bauern, Leute, die in ihren eigenen Familien Wahlkampf machen, bei Großeltern oder bei Tante und Onkel. Der Intensivwahlkampf wird aber erst Anfang September starten.

Können Sie sich einen Wahlkampf überhaupt noch leisten?

Lockl: Für diese Wahl haben wir bisher 386.000 Euro an Kleinspenden erhalten. Das ist viel mehr als vor der letzten Stichwahl. Da ist noch kein Euro der Grünen als Partei dabei, die ja bei der Wahl zuvor der größte Spender war. Hinzu kommen diesmal noch 100.000 Euro vom Industriellen Hans Peter Haselsteiner. Um aber einen ordentlichen Wahlkampf machen zu können, brauchen wir insgesamt mindestens eineinhalb bis zwei Millionen Euro.

Viel Zeit haben Sie jedenfalls nicht mehr, um auf diese Summe zu kommen.

Lockl: Wenn die Unterstützung so anhält wie bisher, glaube ich, dass wir das schaffen werden.

Bei der Bundespräsidentschaftswahl gibt es im Gegensatz zu Parlaments- oder Gemeinderatswahlen keine staatlichen Förderungen wie beispielsweise Wahlkampfkostenrückerstattung. Da kann man nur das ausgeben, was man auch an Spenden zusammenbekommt. Die Kandidatin Irmgard Griss hat für den ersten Wahlgang knapp 890.000 Euro an Geldspenden erhalten, kein Geld von Parteien. Van der Bellen bekam im selben Zeitraum aber nur 150.000 Euro an Geldspenden, die nicht von den Grünen kamen, die wiederum über 1,1 Millionen bereitstellten. Was können Sie beim Spendeneintreiben von Griss lernen?

Lockl: Irmgard Griss hat das zweifelsohne sehr gut gemacht, und wir haben ihr auch zu diesem Erfolg damals gratuliert. Gerade in Österreich, wo private Spenden noch keine so große Tradition haben und hinter den erfolgreichen Kandidaten bisher meist potente Parteien standen, war das nicht so üblich. Auch wir versuchen uns in diesem Feld und es gelingt uns ganz gut. Zum Beispiel haben wir die Aktion "Spende ein Plakat" gestartet. Diese Schiene ist sehr erfolgreich. Wir haben beispielsweise auch Van-der-Bellen-Autokleber produziert. Die waren innerhalb kürzester Zeit weg, die mussten wir jetzt nachproduzieren.

Was man seit der Wahlaufhebung von Alexander Van der Bellen gesehen hat, waren Bilder von Festen in der Provinz, eine Bergwanderung in Tirol. Plakate in der Natur, einen betont gelassenen Van der Bellen gab es schon damals. Es sieht so aus, als würden Sie den Almenwahlkampf vom letzten Mal fortsetzen. Kann diese alte Strategie nochmal aufgehen?

Lockl: Ein starkes Österreich in einem gemeinsamen Europa wird weiterhin im Zentrum der Kampagne stehen. Unser Ziel ist es, in den Städten stark zu bleiben und gleichzeitig am Land unser Wählerpotenzial zu vergrößern. Es ist aber nicht gesagt, dass wir dieselbe Strategie wie bei der Stichwahl verfolgen werden. Diese Wahl ist völlig anders als die davor.

Wenn wir an den vergangenen Wahlkampf, zum Beispiel an den Beginn im Jänner, zurückdenken, wurde da vieles abgehandelt, was mit dem Bundespräsidentenamt nichts zu tun hat. Bei dieser Wahl können wir uns aufs Wesentliche konzentrieren. Auf das, was wirklich zu den Kernaufgaben eines Bundespräsidenten zählt. Nämlich Österreichs Ansehen in Europa und der Welt zu stärken und in Österreich für Zusammenhalt zu sorgen. Dies passt zu den Stärken von Van der Bellen. Darauf wollen wir fokussieren.

Die Wahl wurde ja deswegen aufgehoben, weil es die theoretische Möglichkeit einer Manipulation gab, und nicht etwa, weil tatsächlich eine Manipulation des Ergebnisses nachgewiesen wurde. Das ist ein entscheidender Punkt. Trotzdem ist Alexander Van der Bellen nie über die Lippen gekommen, dass die FPÖ ein "schlechter Verlierer" ist. War es ein Fehler, den Moment, in dem man das hätte sagen können, verstreichen zu lassen?

Lockl: Ich finde, es ist besser, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren als auf den Mitbewerber. Negative Campaigning, wo man ständig dem Mitbewerber schlechte Dinge unterstellt, finde ich katastrophal. Wenn 90 Prozent der politischen Kommunikation negativ ist, stößt das die Menschen ab, davon bin ich zutiefst überzeugt.

Wenn es aber über Ihren Kandidaten heißt, er sei krank und deswegen nicht in der Lage, das Amt auszuüben, wenn Norbert Hofer über ihren Kandidaten sagt: "Van der Bellen wurde nicht gewählt, er wurde gezählt" - wie können Sie das einfach so stehenlassen?

Lockl: Manchmal kann so etwas auch zur Solidarisierung führen. Die Leute durchschauen diese Taktik. Wir haben uns schon bei den Durchgängen davor auf so etwas nicht eingelassen, und es hat funktioniert. Van der Bellen hat ja gewonnen. Auch diesmal werden Sie nichts von uns finden, wo wir absichtlich falsche und erfundene Gerüchte gegen den Mitbewerber behaupten, das machen wir nicht.

Kein Politiker, der aus den Reihen der Grünen kommt, ist bei einer Wahl so weit gekommen wie Van der Bellen. Lähmt einen die Angst, etwas falsch zu machen, jetzt, wo man schon so weit gekommen ist?

Lockl: Das sehe ich anders. Man stelle sich vor, man ist ein Skifahrer: Du bist einen Slalom heruntergefahren, es ist der zweite Durchgang, dein Herausforderer ist schon unten und hat eine beachtliche Zeit vorgelegt. Wenn du auch nur eine Sekunde daran denkst, was alles schieflaufen kann, hast du schon verloren. Wenn du über das grübelst, was längst vergangen ist, wenn du dich ablenken lässt, hast du keine Chance. Du musst dich auf deine Stärken konzentrieren und den Rest einfach ausblenden.

Die Regierungsparteien waren eher zurückhaltend mit ihrer Unterstützung, bis heute haben die Koalitionsparteien SPÖ und ÖVP keine Wahlempfehlung abgegeben. Die SPÖ als Partei hat sich damit, obwohl sie jetzt Unterstützung zugesichert hat, bis heute ein Türchen offen gelassen, von der ÖVP ganz zu schweigen.

Lockl: Es ist nicht so einseitig. Die größte Hoffnung ist, dass wir in der Tradition von Hainburg und Zwentendorf eine österreichweite Bürgerbewegung werden. Wir freuen uns über jede Unterstützung. Ob sich jemand formal deklariert, ist nicht das einzige Kriterium. Wichtig ist, was gemacht wird. Ich freue mich, dass wir so viel Rückhalt in so unterschiedlichen Gruppen und aus fast allen politischen Lagern haben.

Die großen Bewegungen, die sie eben nannten, hatten klare Ziele. Für viele ist es aber eben kein Ziel, Alexander Van der Bellen zum Präsidenten zu machen. Gleichzeitig wird ihrerseits aber auch nicht richtig klar formuliert, dass man mit Van der Bellen einen FPÖler als Staatsoberhaupt verhindern muss. Warum werden Sie nicht deutlichter?

Lockl: Diese Wahl ist eine Richtungsentscheidung, das wissen alle. Würde Norbert Hofer gewinnen, wäre das ein Dammbruch für Österreich, für das Ansehen international, aber auch nach innen. Ich bin zutiefst überzeugt: Es braucht mehr Miteinander und nicht mehr Gegeneinander.

Wir kennen das schon von früher, zum Beispiel von Werner Faymann, dem damaligen SPÖ-Spitzenkandidaten bei der Nationalratswahl im Jahr 2008, der plakatieren ließ: "Genug gestritten". Müsste man statt Harmonie nicht eher faire politische Streitkultur einfordern?

Lockl: "Genug gestritten" war ja ein erfolgreicher Slogan, Werner Faymann hat damals die Wahl gewonnen. Unser Schwerpunkt bei dieser Wahl ist ein positiver. Das mag nicht jedem gefallen. Van der Bellen ist aber nicht jemand, der sagt, was der andere schlecht, sondern was er selber gut kann.

Sie betonen stets, dass Alexander Van der Bellen eine Person ist, die sich viel Zeit mit Entscheidungen lässt, die abwägt. Kann das in Zeiten von Krisen und Terror nicht auch ein Problem sein, wo rasche Reaktionen und Entscheidungen gefragt sind?

Lockl: Es gibt viele politische Funktionen, in denen schnelles Entscheiden gefragt ist, aber der Bundespräsident sollte jemand sein, der einen längeren Horizont und die großen Linien im Blick hat und nicht sein Handeln nach kurzfristigen Informationen ausrichtet.

Zur Person

Lothar Lockl

ist seit Beginn der Kampagne im Jänner der Wahlkampfmanager des Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen. Lockl war von 2000 bis 2009 Kommunikationschef der Grünen, zuvor arbeitete er als Sprecher der Umwelt-NGO Global 2000. Seit dem Jahr 2009 ist er mit seiner Beratungsfirma Lockl Strategie selbstständig. Lockl ist Wiener, Jahrgang 1968, studierter Politik-und Kommunikationswissenschaftler


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