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Böses Denken und unerhörte Lust

Feuilleton | aus FALTER 33/16 vom 17.08.2016

Warum tun Menschen Böses? Den Fixstern in Bettina Stangneths Spurensuche bildet Kants Theorem des radikal Bösen. Stangneths leichtfüßige Einführung in dessen Erkenntnistheorie wird nicht so schnell ihresgleichen finden. Genauso gekonnt gerät ihr Versuch, die Diskussion um Hannah Arendts These der "Banalität des Bösen" zu entwirren.

Wo Stangneth aber sozusagen "ohne Geländer" denkt, werden die Thesen gar zu groß. Etwa wenn sie meint, dass das "akademische Böse" dort lauere, wo das Denken von Kants Vernunft abweiche. Dieses Böse habe nicht nur den Nationalsozialismus philosophisch grundiert, sondern verstecke sich in jeder pathologischen Erscheinung der Gegenwart: in der narzisstischen Selbstdarstellung in den sozialen Medien sowie im Dschihadismus und den Auswüchsen der Political Correctness. Eine reine Kant-Studie aus Stangneths Feder wäre da vorzuziehen. FLORIAN BARANYI

Das Private bleibt politisch, besonders was "behinderten" Sex betrifft. Hier ist Österreich Nachzügler, immer noch am Defekt orientiert. Nach der katholischen Leibfeindlichkeit und dem mörderischen Nazi-Körperkult hindert der neoliberale Sturm auf den Sozialstaat an der Ausübung freier Sexualität. Einen Vibrator vom Pflegegeld kaufen, hallo?! Likar und Riess versammeln Texte von Medizinerinnen, Aktivisten und Menschen mit Behinderung. Die recht heterogenen Texte zeigen konkrete Diskriminierung und geben Tipps für die Praxis.

Im stärksten Beitrag lässt Riess seinen Herrn Groll, Haudegen und Held etlicher Romane, einen Brief an einen jungen Mann schreiben, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Er möge die Möglichkeit einer "Partisanenexistenz", einer "rollenden Systembremse" erkennen: den Kapitalismus durch Onanie zerstören. Sexuell Erschöpfte seien zu müde zum Konsumieren. DOMINIKA MEINDL


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