Selbstversuch

Na gut, es ist eher ein Karpfenteich

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 33/16 vom 17.08.2016

Man war eingeladen in ein Haus am See, ganz oben an der tschechischen Grenze. Na gut, es ist kein See, es ist ein Karpfenteich, trotzdem alles sehr schön, Teich, Steg, Wald, Haus. Als man es betrat, roch es noch wie vor 27 Jahren, als man immer wieder hier gewesen war, mit den Leuten aus der alten WG, die sich dann in alle Winde zerstreut hatten. Na ja, nicht in alle, die meisten gingen einfach zurück nach Westen, wo sie hergekommen waren, und ein paar blieben in Wien. (Eine von ihnen wird gleich, hallo Isa, diesen Text produzieren, weil sie vor 28 Jahren oder so einmal kurz beim Falter für wen eingesprungen ist.) Und von denen, die zurück nach Westen gingen, saßen jetzt schon ein paar auf der Veranda hinter dem Haus und ließen es sich gut gehen.

Denn der, dem das Haus gehörte, der hatte ein paar Tage davor angerufen und gesagt: Ich weiß, wir haben schon lange nichts mehr voneinander gehört, aber ein paar von uns verbringen ein paar Tage im Haus am See, bist du vielleicht zufällig in der Nähe? Also fuhr man an einem späten Nachmittag über die Felder an die Grenze hinauf. Wunderschöne Fahrt, und man hat das dann insgesamt nicht bereut; weil man einen so feinen Abend hatte, mit Leuten, mit denen man unter anderem auch in diesem Haus erwachsen geworden war. Oder, okay, in diesem Haus vielleicht gerade nicht, aber sonst. Und man konnte mit denen einfach das Gespräch von vor zehn oder 20 oder 27 Jahren weiterführen, so, als hätte sich in der Zwischenzeit nicht alles geändert. Und das ging so ein bisschen ans Herz, da dachte man sich: Man hat nicht alles falsch gemacht, wenn die Freunde von damals heute immer noch irgendwie welche sind. Und alles hatte sich auch nicht geändert: Damals war man meistens auf dem Beifahrersitz eines knattrigen 125er-Mopeds die zwei Stunden hinaufgefahren und hatte es gehasst. In der Erinnerung hatte es immer geregnet, leider auch an dem Tag nach Tschernobyl. Und der, der das Moped damals gefahren hatte, war tatsächlich wieder mit einem 125er-Moped da, mit dem Unterschied, dass der jetzt in der Schweiz lebt. Alles noch die gleichen Spinner wie einst.

Am nächsten Tag verabschiedete man sich glücklich und gerührt und versprach allen, in Kontakt zu bleiben. Und fuhr über die Felder zurück und blieb im Nachbarort noch bei dem kleinen Supermarkt stehen, der von dem guten Bäcker mit den guten Mohnflesserln beliefert wird, und he, es gab noch genau drei Mohnflesserln, so ein Glück. Und während man darauf wartete, dass sich von irgendwoher eine Bedienung materialisierte, schob sich ein Greis hinter der Theke an die Brotkörbe, über denen in großen roten Versalien "KEINE SELBSTBEDIENUNG" stand, nahm jedes Mohnflesserl einzeln in die Hand, atmete ein wenig darauf und legte es dann wieder zurück. "Was wünschen Sie?", sagte die Bedienung, die sich unterdessen hergezaubert hatte. 20 Deka von der Käswurst, bitte, und einen Packen Toastbrot, danke. Blieb trotzdem ein schöner Tag.


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