Tiere

Würgeengel

Falters Zoo | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 33/16 vom 17.08.2016


Tröpfelt der Sommer wie ein alter Mann dahin, beschweren sich alle über flaue Sommerlochtexte. Sind die Seiten voll mit mordsmäßiger Berichterstattung, dann will man plötzlich nur mehr inhaltsleere Nachrichtenschnipsel zum Sommerspritzer serviert bekommen. Dabei gab es auch heuer lochhafte News-Perlen: Das laute Schnaufen zweier sich paarender Igel führte im mittelfränkischen Erlangen zu einem Polizeieinsatz. Was will man weniger? Mann biss Hund? Nein, viel besser: Schlange biss Schauspielerin. Da finden sich endlich die drei zentralen Ts des Journalismus – Tiere, Tränen und weibliche Attribute.

In Fritzlar im Schwalm-Eder-Kreis in Nordhessen gab man am Domplatz den Jedermann. Die deutsche Schauspielerin Christine Neubauer tanzte dabei mit einer Boa namens Boris – nach eigenen Angaben – „zungenkussartig“ auf der Bühne. Das fand die Abgottschlange (ja, das ist der deutsche Name) offenbar nicht so attraktiv und biss in den Arm der Mimin. Jetzt mögen zoologisch interessierte Menschen einwenden, Würgeschlangen würden lieber würgen als zubeißen. Die Trainerin der schauspielenden Boa erklärte das outrierte Benehmen ihrer Schülerin damit, dass Schlangen durchaus schreckhaft wären und diese nur einen Abwehrbiss gezeigt hätte. Gut, dass es dann den Arm und nicht die sich ebenso bedrohlich nähernde Zunge der Neubauer getroffen hat.

Der Profanisierung der Kunst trat schon Goethe entgegen. Das romantische Drama „Der Hund von Aubry“ hatte ebenfalls einen tierischen Helden: Nero, ein Pudel, spielte eine Dogge, die den Mörder ihres Herrn Aubry stellte, kämpfte und rächte. Toller Plot, gute Stunts, schnelle Action, kurzum ein Publikumserfolg. Aber Goethe konnte Hunde nicht leiden und hatte deswegen ein Theatergesetz erlassen, das die Anwesenheit von Hunden im Schauspielhaus strikt untersagte. Hundefreunde intervenierten beim Großherzog Carl-August und dieser genehmigte die Aufführung. Goethe war empört und kündigte seinen Rücktritt als Theaterdirektor an, falls ein Hund ihm seinen Gral vergraulte. Der Herzog, selbst passionierter Hundefreund, nahm die Kündigung an. Johann Wolfgang reiste ab, während Pudel und Schauspiel noch 15 Jahre von Stadt zu Stadt tourten. Schiller dichtete daraufhin: „Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen, und siegt Natur, so muss die Kunst entweichen“. Sommerlöcher auch.


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