Augenblick

Wiener Momente

B W | Stadtleben | aus FALTER 34/16 vom 24.08.2016

Der Bahnsteig bei der Station Längenfeldgasse ist bereits übervoll. Die meisten starren auf Handydisplays. Ein junger Mann, Monchhichifrisur, abgetragene Jeans und ausgeleiertes T-Shirt, singt vor sich hin: Budapest, Budapest, Budapest! Ein Anzugträger wirft ihm einen indignierten Blick zu, ein junges Mädchen schaut interessiert hoch und grinst. Die U4 fährt ein, alles drängt in den Zug. Drinnen legt der Mann richtig los: eine Kaskade aus glucksendem Lachen, wütendem Geschrei, ungarischen Flüchen. Er stampft mit den Beinen auf, schreit umsitzende Mitfahrer an, lacht kreischend, spuckend. Die Passagiere sind schockstarr. Jeder fixiert einen fernen Punkt, kein Augenkontakt, im Kopf brauen sich Terrormeldungen zusammen . Die Frau auf dem Sitz gegenüber hat 133 ins Telefon getippt, hält den Daumen abwartend über der Wahltaste. Vorbei, die Zeiten des unschuldigen Irreseins.


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