Menschen

Beim Frequency ist Wien in St. Pölten


LUKAS MATZINGER
Kolumnen/Zoo | aus FALTER 34/16 vom 24.08.2016

Es war das Frequency Festival. Das ist eins von zwei großen Rockfestivals in Österreich und seit 2009 im 24. Gemeindebezirk Wiens, St. Pölten, daheim. Vergangenes Wochenende war das Veranstaltungszentrum an der Traisen insgesamt 40.000 jungen Menschen und solchen, die es sein wollen, ein Ort der Konzerterfahrungen und der Party, des Rausches und der Freiheit, und der Interaktion mit Gleichgesinnten und Paarungswilligen - etwas, woran sie sich gerne erinnern werden, soweit sie sich erinnern können. Am Donnerstag spielten Bilderbuch und Deichkind, am Freitag Sportfreunde Stiller und Parov Stelar und in der Nacht allerlei DJs.

Am Samstag riss dann die Bespielung der Bühnen die Besucherschaft entzwei. Die Schönlinge und Socializer mit den Instagram-Gesichtern, den runden Sonnenbrillen, den hellblond gefärbten Haaren, den Hot Pants und Crop-Tops vergnügten sich vor der großen Bühne zu rechtschaffener Musik von The Kills, Bloc Party und Manu Chao. Sie machten Selfies, tranken Cocktails, tanzten, dass es was gleichschaute, und waren froh zu leben.

Die zweite Bühne war der Ort der anderen. Der Weirdos, der Außenseiter, die vielleicht in den 90ern in der Unterstufe des Gymnasiums, in dem ihre Eltern unterrichteten, gehänselt wurden, weil sie seltsame Kleidung trugen, ihre Haare ins Gesicht hingen oder orange waren oder weil die Brüste schneller oder langsamer wuchsen. Oder eben, weil sie Bands wie Skunk Anansie, WIZO, Limp Bizkit oder Die Antwoord hörten, die in genau dieser Reihenfolge auf der "Green Stage" des Frequency Festivals auftraten.

Zunächst einmal Skunk Anansie, die haben in den 90ern Musik gemacht. Die neuen Lieder, ja, okay ... bei ihren großen Hits "Weak" und "Hedonism" war jedenfalls alles wie damals. Die glatzerte Sängerin Skin hat noch immer viel von der Energie über, die damals faszinierte. Bei einem Lied ging sie mit dem Mikro durchs ganze Publikum.

Dann WIZO, eine der größten Deutsch-Punk-Bands seit immer und noch immer standhaft mit Dosenbier, "Gegen Nazis"-Shirts und Anarchieparolen auf den Bühnen der Bundesgebiete, die sie grundsätzlich eher ablehnen. HC Strache sei eine Pflaume, sagt Sänger Axel Kurth und wird bejubelt. WIZO bleibt stabil.

Dann sind Limp Bizkit mit ihrer Halbstarken-Metal aber ganz gründlich über das Areal drübergegangen. "Party like it's 1999", kündigte der Frontmann Fred Durst an, der immer so auf passiv aggressiv macht, als wolle er streiten und a) einer der weltbesten Arschlochdarsteller oder b) eines der weltgrößten Arschlöcher sein muss. Zu seiner Musik lässt es sich jedenfalls herrlich alle pubertär angestaute Wut aus den Körpern schubsen und springen. Das hätte er sich wahrscheinlich auch nicht gedacht, dass er am letzten Tag eines Pop-Alternative-Elektro-Indie-Festivals noch so eine harte Party hinkriegt. Hat er aber.

Und am Ende die Botschafter des Schiachen aus Südafrika. Das schrecklich nette Ehepaar, das sich "Die Antwoord" nennt und irgendwo zwischen Rap und Rave wehtun will. Die Antwoord versuchen alles, um zu stimulieren, um möglichst arg unnormal zu sein. Die Breaks sind hart und die Show versext. Er rappt in der Unterhose, sie erinnert einen mit ihrer unwahrscheinlich hohen Stimme und der Skalp-Frisur erst dann wieder daran, dass sie eigentlich auch menschlich ist, wenn sie ihre behaarte Scham herzeigt. Dank grausliger Videoeinspielungen ist neben dem Ohr auch das Geäug alarmiert. Und wenn der Bass ganz tief geht, beginnen sogar die Nasenflügel zu kitzeln, dass sich auch die ständig an die Nase fassen, die sich nicht vorsorglich was reingezogen haben.


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