Schönheit nur in der Schäbigkeit

Das Wiener Filmmuseum ruft zur "Wahl der Waffen" und zeigt französische Krimis aus 50 Jahren

Ermittlung: Michael Omasta | Lexikon | aus FALTER 34/16 vom 24.08.2016


Foto: Österreichisches Filmmuseum

Foto: Österreichisches Filmmuseum

Lakonischer geht’s nicht. „Ein paar Tage später wurde Abel Davos verhaftet“, teilt eine Kommentarstimme aus dem Off mit, während der Gangster, von dem gerade die Rede ist, im Gewusel einer Menschenmenge auf einem Boulevard mitten in Paris verschwindet. „Das Gericht verurteilte ihn zum Tode und er wurde hingerichtet.“

Lino Ventura, der für Jahrzehnte zu einer der dominanten Erscheinungen des französischen Kriminalfilms wird, spielt in „Der Panther wird gehetzt“ (1960) eine seiner allerersten Hauptrollen: einen Gangster, der nach dem Überfall auf zwei Geldboten aus Italien nach Frankreich zurückkehrt, wo er schon vor längerer Zeit einmal auf der Fahndungsliste stand. Doch die einstigen Komplizen sind inzwischen arrivierte Geschäftsleute und wollen nicht mehr an ihre kriminelle Vergangenheit erinnert werden.

So weit, so Genre. Was den Film von Claude Sautet unvergesslich (und viel später u.a. zur Blaupause für Christian Petzolds deutsches Terroristendrama „Die innere Sicherheit“) macht, ist der Umstand, dass der „Panther“ Davos nicht allein auf der Flucht ist, sondern mit Familie. Das erschwert das Untertauchen, umso mehr, als seine Frau Therese bei einem nächtlichen Schusswechsel mit Zollbeamten ums Leben kommt und er fortan – allein mit seinen beiden kleinen Buben unterwegs – noch stärker auffällt.

Auch einer der kommenden Stars macht in dem Film seine Aufwartung. Jean-Paul Belmondo, hier als sympathisch loyaler Nachwuchsganove Eric („Das Beste an mir ist meine Linke!“) zu sehen, erobert zur selben Zeit gerade ganz „Außer Atem“ (Regie: Jean-Luc Godard) das Kinopublikum.

Dass diese zwei Produktionen, die abgesehen von dem Darsteller sehr wenig gemein haben, praktisch in Konkurrenz zueinander starten, führt die ungeheure Vitalität des französischen Kinos jener Epoche vor Augen. Kommerz besteht neben Kunst, die Klassizisten und die Regisseure der Nouvelle Vague begegnen einander auf Augenhöhe, das schauspielerische und technische Personal wechselt mit Erfolg zwischen den – vermeintlichen – Fronten hin und her.

Ein Solitär und zudem Vorbild für Filmemacher beider Lager: Jean-Pierre Melville, 1917 in Paris geboren und 1973 ebendort gestorben, der seltene Fall eines totalen Filmemachers: Er führte Regie, manchmal auch die Kamera, schrieb das Drehbuch, bestimmte den Schnitt und hatte sein eigenes kleines Filmstudio, in dem er auch wohnte und das er gewöhnlich nur des Nachts zu ausgedehnten Autofahrten durch die Stadt verließ. Insgesamt 14 Filme hat er gedreht, Kriminalfilme vor allem, darunter Meisterwerke wie „Der Teufel mit der weißen Weste“ (mit Belmondo, 1962), „Der zweite Atem“ (mit Ventura, 1966) oder „Le Samourai“ (mit Alain Delon, dem dritten Superstar jener Jahre, 1967).

Von den Jungfilmern wird Melville anfangs als Vater adoptiert (er tritt als Gast in Godards „Außer Atem“ und in „Landru“ von Claude Chabrol auf), hält aber weiterhin an seiner Überzeugung fest, dass das Kino immer „klassisch“ bleiben müsse. Das bringt ihn in den Ruf, ein Rechter und „Paranoiker“ (François Truffaut) zu sein.

Gleichwie, seine Filme sind in vielem stilbildend und bis heute prägend für das Genre geblieben. „Der Unterschlupf auf Abbruch, die Hoffnung auf Kredit, die Schönheit nur in der Schäbigkeit und die filmischen Mittel reduziert auf das Nötigste“, hat der Filmkritiker Karsten Witte einmal bemerkt, „an dieser Beherrschung des Handwerks erkennt man die Schrift Melvilles.“

Eine deutliche Politisierung erfährt der Kriminalfilm in den 1970ern. Nach den Gangstern nimmt er jetzt verstärkt die Polizei und den Justizapparat in den Blick. Schon die Titel sind Programm: von „Ein Bulle sieht rot“ (mit Michel Bouquet, 1970) und „Der Richter, den sie Sheriff nannten“ (mit Patrick Dewaere, 1977) bis zu „Der Polizeikrieg“ (mit Claude Brasseur, 1979) und „Police“ (mit Gérard Depardieu, 1985).

Zu den Wiederentdeckungen der aktuellen Retrospektive indes gehört „Monsieur Dupont“ von Yves Boisset (1975), der weder von Flics noch von Gaunern erzählt, sondern vom sprichwörtlichen kleinen Mann. Hier heißt er Georges Lajoie, ist Besitzer eines Bistros in Paris, fährt wie jedes Jahr mit Gattin und Sohn zum Campingurlaub an die Côte d’Azur – wo er die Nachbarstochter (sehr jung: Isabelle Huppert!) vergewaltigt, tötet und das Verbrechen algerischen Bauarbeitern in die Schuhe schiebt.

Dieses frühe Porträt eines Rassisten – eine der seltenen Hauptrolle für den großen Charakterdarsteller Jean Carmet – hat immer noch Bestand. Leider nicht nur in der Geschichte des französischen Kriminalfilms (man denke etwa an Vincent Cassels Skinhead in „La Haine“, 1995), sondern auch in der Realität der Le Pens und ihrer Spießgesellen in aller Welt.

Wahl der Waffen, 26.8.–12.10. im Filmmuseum. Der Regisseur Dominik Graf wird am 8. und 9.9. Einführungen zu mehreren Filmen geben


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