Das Franzosen-Beisl

Das wunderbare El Fontroussi hat wieder offen. Noch wunderbarer

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 34/16 vom 24.08.2016


Foto: Katharina Gossow

Foto: Katharina Gossow

Man muss Waterzooi jetzt nicht über alle Maßen lieben. Aber das El Fontroussi war trotzdem ein Lokal, in dem einem das Herz aufging. Was vielleicht daran lag, dass Mustapha El Fontroussi, der algerische Belgier, erzählte, dass er zu dem Lokal gekommen sei, weil der vorige Betreiber eine Bank überfallen hatte – mit dem eigenen Auto und der eigenen Nummerntafel. Oder weil er diese uralte, massive Schank- und Kühlanlage beließ. Oder weil er einfach seine französisch-belgische-algerische Küche kochte, die in den 90ern schon ganz schön Minderheitenprogramm war.

Auch Ninon-Theresia Roux und ihr Mann Nicolas Scandella beließen die uralte Schank des Lokals, renovierten sie sogar noch, polierten die verchromten Leisten, lackierten diese Schank, wo es notwendig war; richteten das Beisl überhaupt so unglaublich schön her, mit Zementfliesen, mit neuer Lamperie, mit Blumen auf den Tischen. Der wesentliche Punkt aber: Nicolas Scandella kocht wahnsinnig gut.

Ja, das ist eine Grundvoraussetzung, wenn man wie er in diversen Sterne-Restaurants in Paris arbeitete und dann sogar bei Anne-Sophie Pic, der ersten französischen „Köchin des Jahres“. Hier, in dem renovierten Beisl in der Reisnerstraße, legt er nun seit Anfang August eine französische Küche ohne jede Gespreiztheit hin, einfach nur so irrsinnig gut. Vier Vorspeisen, vier Hauptspeisen, drei Desserts, viele frische Kräuter, herrliche Marinaden und leichte Saucen. Und das Mittagsmenü ist nicht nur erstklassig, sondern derzeit auch das beste Essen der Stadt, das man um diesen Preis bekommen kann (Vor-, Haupt- und Nachspeise € 19,–, zwei Gänge € 16,–, nur Hauptspeise € 13,50).

Ist das Léontine also ein weiterer Vertreter der „Bistronomy“-Bewegung, deren Mitglieder allesamt Spitzenköche sind, die aber der Haute Cuisine den Rücken kehren und stattdessen im Beisl/Pub/Bistro super kochen? Ja und nein, viel spricht dafür, allerdings fehlt hier die postmoderne Komponente, der Zwang zur Individualität. Scandella kocht einfach französisch, geerdet, saisonal, erfindet das Rad nicht neu, macht es aber halt sehr rund.

Da bekommt man als Gruß aus der Küche zum Sauerteigbrot und der gesalzenen Butter dann etwa ein Erdäpfelblini mit Schnecke oder eine appetitlich-salzige Fisch-Rillette. Und als Vorspeise ein Rührei mit Steinpilzen, Croutons, Frühlingszwiebeln und kleinen Würfelchen geräucherter Ente – herrlich. Als Hauptgang des Menüs gab’s an dem Tag Kabeljau, ein festes, wie Marmor in Segmente zerfallendes Stück, in Butter an der Haut gebraten, mit zerstampften Erdäpfeln mit Artischocken und Zuckerschoten, schmeckte auch ganz großartig. Und die Himbeer-Maracuja-Tarte so flaumig, fruchtig, säuerlich-erfrischend, die Weinkarte super.

Hingehen, bevor es alle anderen tun.

Resümee:

Ein Lokal, von dem man denken könnte, dass das wieder so ein Bistronomy-Hipster-Foodie-Ding ist. Und stattdessen ist es einfach nur sehr gut französisch.

Léontine
3., Reisnerstr. 39
Tel. 01/712 54 30
Di–Sa 11.30–15, Do–Sa 18.30–23
www.leontine.at


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