Tiere

Menschen wie Sie!

Kolumnen/Zoo | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 34/16 vom 24.08.2016


Immer wenn der Chefdemagoge der Kronen Zeitung, Richard „Staberl“ Nimmerrichter, auf Urlaub ging, wurden statt seiner Kolumne Leserzuschriften an ihn abgedruckt. Das war lange vor der Erfindung von Begriffen wie „Wutbürger“ oder „Hass im Netz“. Und diese Erregungsschreibereien randalierten dort ganz unkommentiert herum. Das gehört sich nicht, denn zur Leser-Schreiber-Beziehung gehört ein gerütteltes Maß an Strenge, eine Prise Besserwisserei und ein Teelöffel liebevolle Ermahnung. Daher gibt es hier eine kurze, spätsommerliche Revue und Typologie der Fragen von Menschen, die Begegnungen mit Tieren hatten.

Der Terminator: Man sendet ein Foto und konzentriert sich aufs Wesentliche: „5 mm. Auf Paprikapflanzen. Ziemlich zahlreich. Muss ich sie töten?“ Hier hilft kein Name der Insektenart (Marmorierte Baumwanze). Ich empfehle zur Deeskalation verbale Beschwörungsrituale: Verwenden Sie statt Worten wie „Invasion“ oder „Landplage“ den neutralen wissenschaftlichen Ausdruck für Massenvermehrungen: Gradation. Das hilft Ihnen, den Grundsatz des „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“ zu beherzigen: Don’t panic! Denn Angst endet, wie man im Standardwerk „Vorratsschädlinge und Hausungeziefer“ lesen kann, im Extremfall in einem krankhaften Zustand, der als „Insektenwahn“ klinisch bekannt ist.

Der Imitator: „Jeden Tag ab fünf Uhr früh höre ich immer wieder ein lautes Geräusch. Etwa so: kri-äääätsch-kri-kri. Um welches Tier handelt es sich?“ Hier muss zuerst der Ort dieser akustischen Begegnung abgeklärt werden. In diesem Fall hörte es ein Urlauber auf Madagaskar, was zweifelsfrei entweder auf einen Sichelvanga (Falculea palliata) oder die örtliche Müllabfuhr schließen lässt.

Der Besserwisser: „Ist das Tier auf dem Foto ein Falter?“ Hier ist doch noch zoologische Bildungsarbeit zu leisten: Genau genommen handelt sich dabei um einen Kleinschmetterling. Umgangssprachlich werden diese auch als Motten bezeichnet. In diesem Fall ist es ein Esparsetten-Widderchen (Zygaena carniolica). „Na, sag ich doch, ein Falter!“

Der Koreferent: „Ich habe ein Lilienhähnchen aus der Familie der Blattkäfer bei mir im Garten: Lilioceris lilii. Die Tiere leben ausschließlich von Liliengewächsen wie Türkenbundlilie, Maiglöckchen und Lauch. Ich bin beeindruckt! Ist bloß so ein kleiner Käfer und kann schon Pflanzen auf Familienniveau unterscheiden!“

Einen schönen Resturlaub wünsche ich.


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