Doris Knecht Selbstversuch

Nein, danke, das geht so auch


Doris Knecht
Kolumnen/Zoo | aus FALTER 34/16 vom 24.08.2016

Ich habe bei einem idyllischen Kellergassenfest gelesen, und danach fuhr ich durch schlafende Dörfer und schwarze Felder zurück ins Waldviertel, ans Lagerfeuer vom Horwath, wo ein paar feine Menschen saßen, und Schweinsbraten war auch noch übrig. Herrliche Sommernacht. Sterne, Wein, angenehme Gespräche, und als ich am nächsten Tag aufwachte, hat es geschifft wie aus Kübeln, und ich dachte mir: Das ist empörend, hier bleibe ich jetzt nicht. Denn die Teenager werden gerade hervorragend von der Herkunftsverwandtschaft versorgt. Man ist also verpflichtungsfrei und kann sich einfach so ins Auto setzen und zurück nach Wien fahren, wenn einem danach ist, ohne zuerst mit wem verhandeln zu müssen oder darauf warten, dass jemand aufwacht und dann aufsteht und dann endlich ins Badezimmer geht und dort ewig, ewig, ewig braucht Und ohne dass man sich selbst ständig keppeln hören muss: Hast du alles gepackt? Wieso liegt das da? Wo ist mein Dylan-Leiberl? Ich weiß nicht, wo dein Ladekabel ist. Nein, das ist meins. Hast du deine Schuhe? Hast du deine Jacke? Muss man alles nicht: Man schmeißt tralala sein Zeug in eine Tasche, steigt ins Auto und fährt ab. Wahnsinn, eigentlich.

Und abgesehen davon, dass man - danke, ganz lieb -am nächsten Tag sehr idyllisch vom urbanen Gesang der Presslufthämmer geweckt wird, hat das verpflichtungsfreie Leben in der Stadt angenehme Benefizien. Es liegt kein Rasen vor der Tür herum, der immer sagt: mähmichmähmichmähmich, man muss nie den Ofen anmachen, weil man sich ausschließlich von Liefer-Sushi ernähren kann, und es ist Fernsehen im Fernseher. Nicht nur Netflix und DVD wie auf dem Land, wo es seit je kein Fernsehen gab, damit das Kindsvolk hin und wieder auch das Haus verlässt. Das ist allerdings natürlich längst überholt, denn die Gefahr, dass die Teenager vorm Fernseher verwahrlosen, besteht schon lange nicht mehr. Weil kein Teenager sich eine Serie oder einen Film auf einem Bildschirm anschaut, der größer ist als 7 ×10 Zentimeter.

Beamer-Kino an der Stadelwand vom Horwath gab's heuer auch nicht mehr, weil die Teenager bewegte Bilder in dieser Größe, glaube ich, mittlerweile verstörend finden. Kino hin und wieder ja, das aber vor allem wegen des gesellschaftlichen Rahmenprogramms und wegen des Popcorns. Sonst schaut man sich "Skins", die aktuelle Teenager-Lieblingsserie, auf dem Handy an, jeder für sich, jeder in seinem Tempo, was natürlich zu unschönen Szenen führt, wenn die, die schon in der dritten Generation sind, die verspoilern, die erst in der zweiten sind. Waaas, der stirbt????

Man hat ihnen die ganze HDMI-Kabel-Sache erklärt, schauts, ihr könnt das doch gemeinsam mit dem Laptop am großen Flachbildschirm nein, danke, geht eh so.

Aber jetzt sind die Teenager nicht da, und man kriegt schön langsam eine Idee davon, wie das Leben sein wird, wenn sie einen nicht mehr ständig brauchen: nicht schlecht, glaube ich, gar nicht schlecht.


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