Buch der Stunde

Ein allzu gelungenes Experiment

Feuilleton | DOMINIKA MEINDL | aus FALTER 34/16 vom 24.08.2016

Ich weiß, wie alles werden wird, und mache mir dennoch Sorgen, weil man mit Sorgen nie verkehrt liegt." Der Erzähler berichtet posthum über seine Existenz, die quasi dem olympischen Gedanken anhing: "Ich werde dabei gewesen sein."

Mehr als der eigene Tod beunruhigt ihn, dass er aktuell noch nicht einmal ein feuchter Glanz in den Augen seiner Eltern ist. Um gezeugt zu werden, müssen sich die beiden erst am längsten Tag des Jahres 1972 treffen. Der Start ist schon verhagelt, denn die Mutter wird beinahe von einem schwermütigen Franzosen geschwängert und der Vater fast von einem Möchtegernunterweltboss ertränkt.

Rammstedt packt haufenweise Handlung und Personal in seinen Roman. Beim Showdown auf dem Eiffelturm sind Gangster unterschiedlicher Art involviert sowie ein belämmertes Schaf, ein altkluges Kind und ein Koffer mit ungenanntem Inhalt. Eine Szene jagt die andere. Nur selten, wenn etwa der Vater seine Exfreundin mit einem Schwarm weißer Tauben betören will und ihr stattdessen nur einen toten Spatz vorlegt, wird's ein wenig gar doof.

Tilman Rammstedt ist ein überaus intelligenter und witziger Autor, einer der wenigen, die den Bachmannpreis mit den Mitteln des Humors gewannen. Ideenmangel dürfte ihn nicht plagen, wohl aber die Romanform. Die Rettung aus der Schreibhemmung gelingt ihm für gewöhnlich mit der nächsten guten Idee, etwa indem er, wie in seinem Roman "Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberates", Bruce Willis zum Protagonisten macht.

Die jüngste Lösung geht auf seinen Verleger Jo Lendle zurück: der Fortsetzungsroman 2.0. Von Jänner bis April schrieb Rammstedt täglich ein Kapitel. Angesichts der Produktionsbedingungen ist "Morgen mehr" erstaunlich gut konstruiert. Es ist komisch, weil es den richtigen melancholischen Grundton hat - und bleibt am Ende doch eine etwas unbefriedigende Lektüre.

Spannender wäre es gewesen, wenn das Experiment richtig in die Binsen gegangen wäre. Bleibt die Vermutung, dass Rammstedt literarisch noch viel mehr auf Lager hat.


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