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Falter & Meinung | BENEDIKT NARODOSLAWSKY | aus FALTER 34/16 vom 24.08.2016

Man stellt sich Journalisten ja anders vor, als sie sind, sicher liegt das auch an Hollywood. Die Schauspieler haben nicht nur mehr Haare am Kopf als echte Journalisten, sie tippen ihre Texte auch mit einer Leichtigkeit, als wären diese schon immer in ihrem Hirn gewesen. Als müssten sie nur noch raus.

Das ist falsch. Kein Film zeigt die Wirklichkeit, den kreativen Prozess. Und der geht so: Man starrt mit offenem Mund auf ein leeres Feld im Layoutprogramm. Zehn Minuten, zwanzig Minuten. Es tropft aus dem Mund. Man schreibt einen Satz hin. Er klingt mies. Man löscht ihn. Warten. Nächster Satz. Nochmal lesen. Löschen. Haare raufen. Man wirft einen Ball von einer Hand in die andere. Vor einem: das leere Feld. Man geht auf einen Kaffee. Man kommt wieder, blickt aufs Feld. Die Gebete zu Gott, es habe sich in der Zwischenzeit von selbst gefüllt, blieben unerhört. Man zieht das zuvor getätigte Gotteslob lautstark zurück.

Es folgt der Satz, der einem als Erster durch den Kopf schießt, etwa: "Wir werden alle sterben, irgendwann, das ist Fakt!" Man kopiert ihn so oft, bis das Feld voll wird, aber insgeheim weiß man, dass einem das der Chef nicht durchgehen lassen wird. Ein Kompromiss: Man löscht die Hälfte, damit es so aussieht, als müsse man nur noch eine Hälfte schreiben. Es folgt: der zweite Satz. Er klingt mies. Man lässt ihn trotzdem stehen, die Zeit drängt. Die Zeilen fließen, zäh wie Pech. Aber sie werden mehr. Das Feld füllt sich. Fast ist es voll. Wir werden alle sterben, irgendwann, das ist Fakt!


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