Die zelebrierte Ausweglosigkeit: Becketts "Endspiel" im Akademietheater


BETRACHTUNG: MARTIN PESL
Feuilleton | aus FALTER 35/16 vom 31.08.2016

Die Theaterkritik in Österreich und mit wenigen Ausnahmen auch im Rest des deutschsprachigen Raums hat zu Recht Dieter Dorns Inszenierung von Samuel Becketts "Endspiel" bei den Salzburger Festspielen als Ereignis gefeiert und gleichzeitig seine Werktreue betont. Eine seltene Kombination.

Tatsächlich hat der 80-jährige Regisseur mit seiner "Engführung"(Falter 30/16) der beiden Hauptdarsteller Nicholas Ofczarek und Michael Maertens alles richtig gemacht. Beckett gibt in seinem 1957 uraufgeführten Stück zwischen Clowneske und existenzialistischer Absurdität ein genaues Drehbuch vor: Die Position der beiden Fenster und der Mülltonnen, alles ist penibel vorgezeichnet. Dorns Inszenierung führt vor Augen, dass das gute Gründe hatte. Jeder Pause, jeder kleinen Nuance horcht er nach und schafft so zweieinviertel fesselnde Stunden, in denen es jedem Besucher ermöglicht wird, die hier zelebrierte Ausweglosigkeit mit dem eigenen Leben abzugleichen.

In seine Einzelteile zerlegt, hätte das Hin und Her zwischen dem blinden Herrn Hamm (Ofczarek), der nicht aus seinem Sessel aufstehen kann, und seinem herumwuselnden Knecht Clov (Maertens) wohl nicht mehr die Ausstrahlung wie zu Becketts Zeiten, als schon das Abweichen von klassischen Dramaturgien radikal war. Als behutsam durchkomponiertes Ganzes aber bringt der Abend Text wie Schauspieler zum Glänzen. Ofczarek dirigiert virtuos von seinem Thron aus, Maertens albert weit weniger, als seine slapstickhafte Dienerrolle es ihm anbietet, und Hamms beinlose Eltern (Barbara Petritsch und Joachim Bißmeier) erlauben sich, in ihren Mülltonnen lebend, rührend alt auszusehen.

Am 4. September findet die Wien-Premiere der Dorn'schen Inszenierung im Akademietheater statt. Unter der Intendanz Matthias Hartmanns war "Endspiel" schon einmal geplant, aber Regisseur Dimiter Gotscheff verstarb vor Probenbeginn. Die Interpretation von Dieter Dorn und seinem Ensemble ist ein wunderbarer Ersatz.

Premiere: Akademietheater 4.9., 19 Uhr


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