Doris Knecht Selbstversuch

Nur im Haus vom Karl war's gefährlich


Doris Knecht
Kolumnen/Zoo | aus FALTER 35/16 vom 31.08.2016

Die Gespräche, die man jetzt mit den Teenagern so führt, haben relativ häufig ihre nähere Zukunft und deren Verheißungen zum Inhalt. Die Botschaft, die wir alle für sie haben: Das Wichtigste ist, dass ihr aufeinander aufpasst. Egal wo ihr seid und was ihr tut: Passt aufeinander auf. Schaut auf die, mit denen ihr unterwegs seids. Wenn euch irgendwas auch ein nur ein bisschen nicht taugt, tuts es nicht. Und wenn irgendwas entschieden nicht passt: Handelts. Holts Hilfe.

Die Teenager: Ach, uns wird doch nichts passieren.

Die Erwachsenen: Hmm. Mir ist jetzt, genau darum, wieder eingefallen, was ich für ein Glück hatte, als ich ungefähr in dem Alter war: Ich hatte Freunde, die auf mich aufgepasst haben. Die Freunde waren ein bisschen älter, lange Lulatsche in der Komplett-Jeans-Panier und mit langen Haaren, alle Blues-Nerds, denen die eigenen Eltern nur deshalb ein bissl vertrauten, weil sie zum Teil deren Eltern aus dem Ort kannten.

Ich habe mich daran erinnert, wie ich hinten auf dem airgepainteten Chopper vom Skippy gesessen bin, und wir fuhren über die Hügel und mit einer Hand hielt ich mir seine schönen schwarzen Haare aus dem Gesicht, weil damals noch kein Helm. Wie sie mir die wichtigste Musik vorgespielt haben, auf ihren Plattenspielern und ihren Gitarren. Wie ich immer bei denen bei der Bandprobe gesessen bin, was sie manchmal tüchtig genervt hat. Wie sie mich auf Blueskonzerte und Rockfestivals mitgenommen haben und an den alten Rhein, zum Übernachten am Lagerfeuer, wo es immer auch Dings gab, aber sie haben immer aufgepasst, dass ich aufpasse und es mir gut geht. Wir sind mit dem großen, alten, mit Matratzen ausgelegten Bus vom Lucki nach Frankreich gefahren, nach Taizé, ich weiß nicht mehr, warum, denn keiner von uns war gläubig, und in die Kirche sind wir kein einziges Mal. Ich erinnere mich irgendwie, dass wir auf dem Weg zurück den Joe verloren haben und noch einmal umkehren mussten. Und der einzige Ort, an dem ich mich wirklich unsicher gefühlt habe, war das Haus vom Karl, wegen seiner Mutter, vor der ich mich so gefürchtet habe. Die hat mich einmal rausgeschmissen. Sonst ist nie irgendwas Schlimmes passiert.

Das Großartige daran: Jetzt, mehr als 30 Jahre später, sitze ich immer noch, wenn ich in der Nähe bin, mit denen im Sternbräu und trinke Bier. Wie letzten Samstag mit dem Karl und dem Skippy. Sie haben immer noch eine Band (eine großartige: Mose, hört euch das an). Ein paar andere kamen noch dazu, die damals auch schon bei den Konzerten waren, und wir erzählten uns von früher und wie schwer es immer war, den Karl von den Bäumen und den Masten herunterzukriegen, die er nach ein paar Bier zuverlässig bekraxelt hat, wenn sowas in der Nähe war. ("Weitergehen. Wenn du stehen bleibst, klettert er noch höher.")

Die Nacht war Sommer. Sternenhimmel, in jeder Hinsicht. So feine Erinnerungen, so tolle Menschen: Hoffentlich haben meine Teenager auch so ein Glück.


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