Ein Lokal in der Hood

Der ehemalige Wortner-Cafetier macht jetzt ein kleines Bio-Lokal in Gumpendorf

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 35/16 vom 31.08.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Seine Eltern wohnen hier im Grätzel, erzählt Daniel Karl, er sei in der Rahlgasse in die Schule gegangen – als die untere Gumpe noch alles andere als hip war. Das hat sich geändert, wie man weiß, vor allem der Abschnitt zwischen Joanelli- und Königsklostergasse zählt heute zu den bevorzugten Orten junger Urbanisten.

Tausendmal sei er da vorbeigeradelt, meint Daniel Karl, der von 2003 bis 2010 das Café Wortner führte, dann vor vier Jahren das kleine Dorato in der Garnisongasse aufmachte und sich außerdem auf Streetfood-mäßige Versorgung von Open-Air-Festivals spezialisierte (die Erdbeerknödel seien am Nuke der absolute Renner). Und irgendwann ist ihm die kleine Lücke im Verbund der Geschäftsfassaden aufgefallen. Er schnappte sich das ehemalige Reisebüro, wartete vier Monate auf die behördlichen Genehmigungen und eröffnete vor sechs Wochen sein bio deli.

bio deli also. Was muss ein Lokal, das bio deli heißt, können? Es sollte eine Bio-Zertifizierung haben, und zwar wenn möglich eine Vollzertifizierung, nicht nur irgendeine Teilzertifizierung auf Milchprodukte, braunen Zucker oder so was. Check, die Zertifizierung hat er, der Daniel Karl, und nimmt das auch alles sehr genau. Außerdem sollte ein Deli populäre Gerichte rasch und günstig verabreichen können, check, und nicht zuletzt sollte ein Deli durch offene Gestaltung einladen und eine hohe Frequenz ermöglichen. Check, check.

Konkret ist das bio deli ein wirklich äußerst frisches, freundliches, helles Mini-Lokal geworden, besonders das Outdoor-Bankerl auf der Straße vermittelt einen überaus einladenden, um nicht zu sagen unwienerischen Eindruck. Im Kühlschrank stehen die üblichen Bio-Hipster-Limonaden, erweitert allerdings durch Bio-Wein von Fritz Wieninger, gezapft wird Schremser Bio-Bier, Smoothies und Limonaden werden selbst gemacht (wobei der Wassermelonen-Smoothie leider ein bisserl öd war). „Wir kochen, was wir selber gerne essen“, erklärt Daniel Karl das Konzept, was einerseits Sympathiechancen eröffnet, die Sache andererseits ein bisschen unberechenbar macht.

Okay, dass Daniel und sein Vater Heinz gerne Kichererbsensalat mit Feta und getrockneten Tomaten mögen, buchen wir auf der Habenseite (€ 4,90), das Linsen-Dal war so weit auch okay, etwas süß vielleicht, aber einen Schöpfer Linsenbrei einfach auf eine Portion Reis zu gießen und fertig ist halt schon ein bisschen sehr puristisch für knapp sieben Euro. Und das Geschnetzelte – ein paar graue und schon eher fade Fleischstreiferln in dünner Rahmsauce auf sehr viel auch eher laschen Spätzle – war fast schon ein bisschen deprimierend (€ 8,50).

Es müssen ja wirklich nicht die unvermeidlichen drei, Pulled Pork, Pastrami und Burger, sein, aber ein bisschen mehr Pfiff könnte das bio deli schon noch vertragen. Weil sonst ja alles stimmt.

Resümee:

Ein feines, kleines, neues Tageslokal im urbanistischen Herzen der Gumpe, das allerdings noch etwas mutlos kocht.

bio deli.
6., Gumpendorfer Str. 36
Tel. 01/347 33 35
Mo–Fr 9–18 Uhr
www.biodeli.at


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