Film Neu im Kino

Eine genügsame Utopie: Icíar Bollaíns "El Olivo"

Lexikon | GERHARD MIDDING | aus FALTER 35/16 vom 31.08.2016

Insgeheim erhofft man sich von dieser Art Film nicht, dass die Mühen seiner Helden Früchte tragen, dass er seine Konflikte zufriedenstellend löst und dem Zuschauer am Ende zu wertvollen Einsichten verhilft. Nein, man wünscht sich einen Moment der Absichtslosigkeit, eine Szene, die den erzählerischen Plan nicht erfüllt, sondern dem Film gleichsam unterläuft.

In "El Olivio" könnte dies eine Kindheitserinnerung Annas an ihren Großvater sein, der es zulässt, dass die Enkelin seine Fingernägel lackiert und ihm sogar Lippenstift aufträgt. Da schwingt viel mit, das erst mal nicht das eigentliche Thema berührt. Indes, da sind Regisseurin Icíar Bollaín und Drehbuchautor Paul Laverty unerbittlich einfallsreiche Didaktiker, beschwört die Rückblende eine erloschene Innigkeit, die sich nicht auf die Reichweite dieser Filmfamilie beschränkt, sondern hochgerechnet werden darf auf ganz Spanien.

Das erscheint hier als ein Land, in dem sich nicht mehr von Aufbruch, nur noch von Nachgefechten erzählen lässt. Vor lauter Trauer um den 2000 Jahre alten Olivenbaum, den seine Söhne einst schnöde verscherbelten, ist der Großvater dement geworden. Seine Enkelin, eine herzensgute Nervensäge, will das verpflanzte Heiligtum wiederfinden. Es ist mittlerweile zum Emblem eines Energieunternehmens in Düsseldorf geworden, das sich heuchlerisch der Nachhaltigkeit rühmt. Stracks bricht Anna mit einem stillen Verehrer und ihrem Onkel im stibitzten Sattelschlepper auf, um den Baum zu repatriieren. Unterdessen zetteln ihrer Freundinnen eine Facebook-Kampagne zur Unterstützung der irrsinnigen Expedition an. In manchen Augenblicken schwingt sich der Film in die Höhen einer ökologischen Screwball Comedy empor. Bei Frank Capra wäre unter dem Druck der Öffentlichkeit ein Wunder geschehen. Bollaín ist eine genügsamere Utopistin.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Filmcasino)


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