Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Der beste Essayfilm der Welt der Woche

Feuilleton | MICHAEL OMASTA | aus FALTER 35/16 vom 31.08.2016

Es gibt diese hübsche Szene in dem alten Gruselfilm "The Black Cat". Horrorstar Boris Karloff steht im Artdéco-Morgenmantel vor einem gläsernen Sarkophag, in dem eine junge Frau wie schlafend aufgebahrt ist. "Ich wollte ihre Schönheit besitzen", erklärt der verrückte Wissenschaftler einem neugierigen Besucher seines Labors, "für immer."

Für immer, alles für alle, zu jeder Zeit und an jedem Ort, so lautete auch das Versprechen der "digitalen Revolution" des Kinos. Gehalten hat es gerade eine halbe Dekade, was der Halbwertszeit aktueller Speicherformate entspricht. Die Folgen dieser Entwicklung für die Laufbildproduktion sind -abgesehen von gewaltigen Zusatzkosten für ihre Wartung -noch kaum absehbar.

Schön und gut, werden Sie sagen, aber warum dieses Lamento in einer Enthusiasmuskolumne? Der Grund dafür heißt "Cinema Futures", wird kommende Woche bei den Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt und ist der erste wirklich ernsthafte Beitrag zu einer bisher vor allem in Fachkreisen geführten Debatte: Wie ist es künftig um das audiovisuelle Gedächtnis der Menschheit bestellt?

Der österreichische Filmer Michael Palm, kein Zelluloid-Nostalgiker, sondern theoretisch versierter Dokumentarist, hat Filmemacher, Künstlerinnen und Archivare in aller Welt dazu befragt und ihre Statements zu einer großen, mit anschaulichen Filmzitaten gespickten Erzählung verwoben.

Im Schnelldurchlauf zieht die Geschichte des Mediums vorüber: vom Méliès-Film "Der wandernde Jude", dessen Originalnegativ zerbröselt ist, über ein 50 Jahre altes Super-8-Homemovie, worin ein Schmetterling dem noch nicht der Gehschule entwachsenen Palm auf Kopf und Nase herumtanzt, bis zu den Datenbunkern des World Wide Web. Großartig.


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