Elf Monate mit Fatima

Sie kam als Flüchtling. Heute ist sie eine Freundin. Das Jahr war aufregend. Aber gut, dass der Zufall uns zusammengebracht hat

PROTOK OLL: SIBYLLE HAMANN | Politik | aus FALTER 35/16 vom 31.08.2016


Illustration: Georg Feierfeil


Diese Geschichte beginnt mit dem Foto von drei Paar Kinder-Winterstiefeln. Hugo, unser Hausarzt, hatte sie gekauft. Hugo ist ein grundgütiger, unkomplizierter, kinderloser Mann mittleren Alters. In seiner Ordination, gleich bei uns um die Ecke, gibt es ein selten genütztes Infusionszimmer. Dort hatte Hugo eben eine syrische Familie einquartiert, Mutter, Vater, drei kleine Kinder, und den Stiefelkauf stolz auf Facebook präsentiert.

Das war Anfang Oktober vergangenen Jahres, im Flüchtlingsherbst, es war sonnig und warm. Ein bisschen Müdigkeit hatte sich da schon in der Nachbarschaft breitgemacht. Den ganzen September hindurch waren atemlose Menschen gekommen und gegangen. Jedes Mal: ein Abendessen, eine Dusche, eine Nacht im Arbeitszimmer, Vornamen, Handyfotos. Man gab ihnen eine Jacke mit, einen Rucksack, ein Lego-Auto, gute Wünsche. Zurück ließen sie kaputte Sandalen, Facebook-Adressen mit blumigen Profilen und das vage Versprechen, sich zu melden, wenn sie in Deutschland angekommen seien. Bloß nicht innehalten, so knapp vor dem Ziel, sagten diese Rastlosen; immer weiter, morgen sind wir endlich dort.

Aber nebenan wohnen jetzt drei Flüchtlingskinder, die Stiefel für den Winter bekommen haben. Dabei ist der Winter noch weit. Die wollen nicht nach Deutschland, die wollen bleiben!

“Hugo, wenn deine Kinder hier bleiben, müssen sie in die Schule gehen”, sagte ich, und ich meinte es nicht uneigennützig. Die Volksschule unseres Sohnes hatte damals noch keine syrischen Kinder, andere Schulen schon. Wir waren neidisch. Elternverein, Direktorin, Lehrerinnen, Kinder -alle wollten teilhaben am historischen Moment. Es war die Zeit der Willkommenskultur.

Ich sehe Fatima zum ersten Mal, als ich mit zwei gespendeten Schultaschen an der Tür des Infusionszimmers klopfe. Sie trägt eine Tunika, braun-rot-violett. Ein ebenmäßiges Gesicht, prüfende Augen, sie strahlt etwas Aristokratisches aus. Es ist bloß ein ebenerdiger Raum im Hinterhof – Hochbett, Teppich, Teeküche. Sie wohnt erst ein paar Nächte hier. Doch sie lädt zum Kaffee, als handle es sich um ein feudales Landhaus und als sei sie Hausherrin in dritter Generation. Das richtige Gewürz für den Kaffee fehle ihr noch, entschuldigt sie sich in gepflegtem Englisch. Sie wird es bald gefunden haben, sogar in Wien. Fatima ist eine, die bekommt, was ihr wichtig ist.

Es sind nur ein paar biografische Brösel, die ich bei dieser ersten Begegnung aufschnappe. Dass sie aus Raqqa kommt, heute Hauptstadt des IS (sie sagt “Daesh”, das arabische Wort, das “sh” zischt sie mit abgrundtiefer Verachtung). Dass sie Technikerin war, bei einer Telefonfirma. Dass die Eltern noch dort sind; eine Schwester irgendwo auf dem Weg durch die Türkei; ein Schwager schon in Kärnten; ein anderer Schwager seit Wochen verschollen, wahrscheinlich Gefangener in den Händen des IS. Wie sehr sie sich fürchtete, im Schlauchboot auf der Ägäis. Wie sie den Kindern erzählte, sie machten jetzt eine lustige Bootsfahrt. Wie der fünfjährige Omar bei der Ankunft in Griechenland sagte, es sei so lustig gewesen, er wolle gleich noch einmal zurückfahren.

“Wie kalt wird es hier im Winter?”, fragt Fatima noch.

“Super”, sagt die Schuldirektorin, “kommen Sie doch gleich morgen zur Einschreibung vorbei.” Feierlich schreiten wir über die Straße, ich bin stolz, als hätte ich einen Finderlohn verdient. Fatima hat ihr lila Kopftuch sorgfältig festgesteckt, die Kinder tragen ihre neuen Stiefel, sie hält zwei an der Hand, ich eines.

Die Direktorin serviert Kekse. Die Kinder baumeln mit den Füßen. Viele Formulare. Ich erspähe Fatimas Geburtsdatum: 37 Jahre ist sie alt. Sie lässt mich übersetzen, sie will wissen, was sie unterschreibt. Es wird ein erster Crashkurs über Österreich. Zettel 1: Kinderbilder dürfen auf der Homepage veröffentlicht werden. Fatima nickt. Zettel 2: Nach einem Atomunfall werden Jodtabletten verabreicht. “Atomunfall?” Sie hebt fragend eine Augenbraue, ehe sie nickt. Zettel 3: In der dritten Klasse ist der Schwimmunterricht verpflichtend. Ich wittere heikles Terrain, bemühe mich um einen neutralen Tonfall, aber meine Bedenken sind überflüssig. Ja, Leyla schwimmt sehr gern, wir müssen bloß noch einen Badeanzug kaufen.

Erst Zettel 4 bringt Fatima an ihre Grenze: der Schulhund. Und die Einverständniserklärung dafür. Schulversuch, erklärt die Direktorin und lächelt breit. Der Hund liegt im Klassenzimmer, die Kinder sollen ihn streicheln, füttern, versorgen und dabei Verantwortung lernen. Die Direktorin liebt Hunde. In Fatimas Augen streitet Unglauben mit Panik, aber sie schluckt tapfer, als sie auch diesen Zettel unterschreibt. In Syrien, wird sie mir am Heimweg erzählen, gibt es nur Straßenköter. Bissig, flohverseucht, gefährlich. Man schärft Kindern ein, sich stets von ihnen fernzuhalten.

î Nächste Station: die Kindergartenanmeldestelle. Meidling, die Hinterseite eines Einkaufszentrums, ein heller Warteraum, fast leer. Während Fatima wieder Formulare ausfüllt, stellt sich mir eine Frau in den Weg. Sie ist von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt, samt einem Niqab, der Mund und Nase verdeckt. Wo man denn “so eine Familie” bekomme, will sie von mir wissen. Ich verstehe nicht. Was nicht an ihrer Sprache liegt – sie klingt, als sei sie Wienerin. Nun, sie möchte Flüchtlinge aufnehmen, sich kümmern, erklärt sie, aber wisse nicht, wo man welche finde. Ich stammle: “an den Bahnhöfen”,”in der Stadthalle”, dort könne man ja einfach hingehen, und “Caritas, Diakonie”, was dann aber, religiös betrachtet, doch eher unpassend erscheint.

Zum Glück stupst mich in diesem Moment Fatima mit dem Kugelschreiber an. Ihr fragender Blick geht zwischen der Niqab-Frau und mir hin und her. Schwer zu sagen, wer von uns dreien in diesem Moment am verwirrtesten ist.

Die Begegnung verstört mich nachhaltig. Ist es beunruhigend, dass Fundis gezielt Flüchtlinge suchen? Oder eher beruhigend, dass sie nicht in der Lage sind, welche zu finden? Womöglich gibt es Österreicher, vor denen man Fatima beschützen muss.

In den folgenden Wochen werden zaghaft Distanzen vermessen. Den richtigen Abstand zwischen Interesse und Respekt finden; hilfsbereit sein, aber nicht aufdringlich -wie geht das? Werden Fatima und ihr Mann Mohammed fragen, wenn sie etwas brauchen? Wollen sie reden, sind sie einsam? Oder wollen sie Ruhe? Wir haben alle keine Routine in unseren Rollen. Man flieht ja nicht jeden Tag.

Was schnell klar wird: Am sichersten ist die Gegenwart. Was war und was nächstes Jahr sein wird -das ist beides mit Angst, Verlust, Stress, Sorge verbunden. Hier, jetzt, ist es gut. Der entspannte Moment morgens, wenn Mohammed mit seinem Kaffee im Türrahmen lehnt, eine Zigarette in den Hof hinausraucht und in die Ordination hinüberwinkt. Der Moment, wenn Leyla um halb vier aus dem Schultor tritt, den Ranzen am Rücken, und den Eltern zuwinkt, die jetzt ganz normale Eltern sind, wie alle anderen um sie herum. “Schlonok” sagt man dann, “wie geht’s?””Alles gut, Habibi!”

Routinen helfen. Abendliche Facebook-Chats gehören dazu, die stets mit Fatimas höflicher Frage nach der Befindlichkeit beginnen und mit vielen Emojis enden. Ich hätte nie gedacht, dass ich je Chat-Sticker mit fliegenden Herzchen versenden würde. Nun tu ich’s.

Oder das Küssen. Syrian Style, fest auf die Wange, einmal links, zweimal rechts, und dabei ordentlich drücken. Zwischen Frauen kann das gar nicht innig genug sein. Austrian Style ist, dass auch Frauen und Männer einander küssen, das drängen wir ihnen von Anfang an einfach auf. Fatima ist tief gläubig. Falls sie das Überwindung kostet, verbirgt sie es gut. Die Männer leisteten nach einer kurzen Schrecksekunde keinen Widerstand. Inzwischen spielen alle mit Freude mit. “Fatima, halt mein Bier, damit ich deinen Mann besser küssen kann”, sag ich heute. “Ich helf dir dabei”, antwortet sie dann.

Im Spätherbst weitet sich die Sache mit Fatima aus. Es war nicht geplant, es passiert. Ihre Schwester und ihr Schwager sind endlich in Wien angekommen, weitere Verwandte, Reisebekanntschaften stoßen dazu, über 30 Menschen sind es schon. Etwa ebenso viele Wiener Freunde wollen helfen. Die einen sammeln Geld. Ein netter Bauträger hat ein Sanierungsobjekt mit Leerstand, das er im Moment nicht braucht. Eine nette Hausverwaltung sagt: Hier sind die Schlüssel, sucht euch Wohnungen aus, zahlt die Betriebskosten, bis auf Widerruf.

Es ist die Zeit, in der Tausende immer noch in Massenquartieren schlafen, in Sporthallen, auf Matten zwischen Paravents. Da kann man zu einem solchen Angebot nicht Nein sagen. Fatima, wir haben eine Wohnung für euch!

Das Haus ist im 15. Bezirk. Bei unserer ersten Exkursion blicken wir etwas angespannt aus den Fenstern des 58ers: Kebabstände, Ein-Euro-Shops, viele Frauen, die ähnlich gekleidet sind wie Fatima, aber ich bin nicht sicher, ob sie sich in ihnen wiedererkennt. Wie windige Immobilienmakler fühlen wir uns, als wir mit dem Schlüsselbund die bröseligen Stiegen hinaufgehen. Drei unsanierte Häuser, zwei Innenhöfe – ein Objekt mit Potenzial, sagt man. Bastlerhit. Die Briefkästen sind aufgebrochen, der Putz fällt in großen Brocken von der Wand, Glühbirnen fehlen, aus den Gangtoiletten stinkt es.

Oja, wir finden Wohnungen; abgewohnt, aber benützbar. Für Menschen, die eben noch in einem Lager schliefen, ist es ein Traum. Für Menschen, die einmal ein dreistöckiges Haus mit Garten und Hollywoodschaukel hatten, ist es ein Schock. Beides gleichzeitig steht in Fatimas Gesicht, als sie blass an der Tapetenwand mit dem ausgebleichten 70er-Jahre-Muster lehnt.

Es ist ihr Touchdown-Moment: In dieser Wohnung wird ihr neues Leben beginnen. Es wird eine schmuddelige Küche haben, aber eine hoffentlich funktionierende Heizung. “Sibila.”, sagt sie, und wie immer, wenn es wichtig ist, hört man den Punkt nach der Anrede. “Yes, we will live here. But do not leave us alone.”

Es erzeugt einen Euphoriekick, wenn man konkrete logistische Aufgaben zu lösen bekommt. So wie “Train of Hope” Hunderttausende am Hauptbahnhof versorgte; so wie ÖBB-Chef Kern sie nach Deutschland schleuste -so schleppen jetzt wir Möbel, Wäsche und Haushaltsgeräte durch Wien. Es gibt unendlich viel Zeug, das Menschen in dieser Stadt loswerden wollen. Endlich ist jemand da, der alles brauchen kann.

Wir machen dabei Reisen durch Wiener Leben. Einmal stehe ich mit Fatima in der Pratercottage, in der Küche einer lichtdurchfluteten, bürgerlichen Wohnung, wir wickeln Häferln und Gläser in Zeitungspapier. Es ist die Verlassenschaft einer vor kurzem verstorbenen Ärztin, die, weil sie Jüdin war, als Kind einst vor den Nazis nach England flüchten musste. Fatima wird ab nun in ihrem Bett schlafen, die Kinder werden auf ihren Teppichen spielen. Über Nazis und Juden haben wir noch nie gesprochen.

Anderntags eine Zimmer-Küche-Wohnung im Nachbarhaus, wir haben ja noch die Schlüssel. Vor einem halben Jahr ist die Mieterin gestorben, niemand hat je ihre Sachen geholt, die Lesebrille liegt noch auf der Kronen Zeitung auf dem Küchentisch. Fatima kann das Schuhkastl brauchen, eine Blumenvase aus der Wohnzimmervitrine, Zucker, Putzmittel. Ihr Blick schweift über das Linoleum, die ausgetretenen Schuhe. Wo ist das Badezimmer? Und kein Klo? Ja, so wohnt man in Wien, sagen wir. Klo am Gang, das war ganz normal, hatten wir als Studenten auch. Man kann zuschauen, wie sich in Fatimas Kopf das Bild von Europa schärfer stellt.

Dann wird alles zu viel. Waschmaschine kaputt, Heizung kalt, leckende Rohre, verstopfte Klos. Immer wieder Anrufe aus dem 15. Bezirk. Man hört Fatimas Panik durch: Gestrandet in einer Bruchbude, im Winter, von allen guten Geistern verlassen, und den Kindern frieren die Füße ab? Leise Panik auch bei uns: Stromrechnungen, Handwerker, Behördentermine, Hexenschuss -was haben wir uns da bloß aufgehalst? Man hat ja schließlich auch noch ein eigenes Leben. Arbeit. Beziehungsstress. Die eigenen Kinder. Die sich übrigens schon beschweren. “Machen wir mal wieder was ohne Flüchtlinge?”, maulen sie. Das sitzt.

Zumal in den Wohnungen wenig weitergeht. Werkzeug ist da, Material auch, aber die Überforderung ist offensichtlich: Ratlos hält Mohammed den Schraubenzieher, unbeholfen steigt er auf Leitern. Noch immer sind die Stockbetten nicht zusammengebaut, der Teppichboden nicht verlegt, in der Mitte der Wohnzimmerwand klafft ein kopfgroßes Loch, wie ein Vorwurf. Man müsste, denke ich genervt, doch bloß ein Bild drüberhängen.

Auch Fatima wirkt kopflos in diesen Tagen. Statt Ordnung zu schaffen, häuft sie immer mehr Dinge an. Die Wohnung ist überheizt, die Kinder hüpfen rastlos über die Zeughaufen, bis sie vor arabischen Zeichentrickfilmen geparkt werden. Nein, dafür waren die Laptopspenden nicht gedacht. Willst du denn nicht mal auf den Spielplatz gehen, Fatima? Es ist zu kalt, sagt sie.

Sie spürt, dass ich unzufrieden bin mit ihr. Sie ist unzufrieden mit sich selbst, und unzufrieden mit mir. Sie will eine Satellitenschüssel. Ein Backrohr mit Grill. Und sie wünscht sich eine Folie, die sie auf die Fenster picken kann, damit sie in der Wohnung ihr Kopftuch abnehmen kann.

Da reicht es. Nein, ich werde mich ganz sicher nicht dran beteiligen, Folien auf Fenster zu picken, um Frauen unsichtbar zu machen, sage ich. Ich zeige auf die Wintersonne, die durchs Fenster hereinscheint: Die ist für alle da, auch für uns, was soll das, sich vor der Welt zu verstecken? Schau mich an, verstecke ich mich? Und, bin ich etwa eine schlechte Frau? “Sibila.”, sagt Fatima, als spreche sie mit einem begriffsstutzigen Kind, “ich will zu Hause. Nur mit Familie.”

Mein Zorn ist auf dem Heimweg nicht verraucht. Aber ich komme ins Grübeln. Warum regt es mich derart auf, wem sich Fatima zeigen will und wem nicht? Was geht mich das Loch in ihrer Wohnzimmerwand an? Würde ich mich bei anderen Freunden auch so vehement einmischen? Fordern wir zu viel? Fordert Fatima zu viel? Drängen wir zu sehr? Ist das ein Machtspiel, das hier abgeht?

Beim nächsten Besuch wollen wir darüber reden. Aber dazu kommt es nicht. Mohammeds Bruder Ahmad ist tot. In Raqqa hat ihn der IS hingerichtet, öffentlich auf dem Marktplatz. Es gibt ein Video davon, es kursiert im Internet. Ahmad, der Lieblingssohn seiner Eltern. Ahmad, ein fescher junger Mann mit leuchtend grünen Augen. Ahmad, der Talentierte, der Mutige. Ahmad schrieb einen Blog, er wollte, dass die Welt von den Verbrechen erfährt, die der IS in Raqqa begeht. Wochenlang war Ahmad verschwunden, die Familie hatte mit dem Schlimmsten gerechnet, aber irgendwie auf ein Wunder gehofft.

Bleierne Stille hängt in Fatimas Wohnung. Auf den Sofas hängen blasse Erwachsene vor dem fahlen Licht ihrer Handy-Bildschirme, sie rauchen und tippen, rauchen und tippen, Verwandte und Freunde sind ja über den ganzen Kontinent verstreut. Sie haben rote Augen und schwarze Ringe darunter. Wenn ein Kind vorsichtig auf einen Schoß kriecht, klammern sich Erwachsenenhände daran fest wie an einem Rettungsring.

Es gibt nicht viel zu sagen. Über dem Sofa klafft noch immer das kopfgroße Loch in der Wand. Jetzt ist es ein Mahnmal. Es ist Krieg in Syrien, es ist Krieg im Leben dieser Menschen.

Was die Familie in den nächsten Wochen am Leben hält, ist das Lernen. Zwei Mütter aus unserer Schule haben einen privaten Deutschkurs organisiert. Fatima verbeißt sich mit heiligem Ernst in die Arbeitsbücher. An Fensterbrettern und Möbeln hängen Zettel mit Verben. “Bad” steht beim Bad, “Küche” auf der Küchentür.

Wir stehen in der Küche, als ein befreundeter Wirt anruft und fragt, was noch fehlt. Ich reiche Fatima wortlos das Telefon. Sie holt tief Luft und sagt laut und deutlich:

“Guten Tag. Ich brauche bitte ein groß Topf und ein klein Pfanne. Danke. Auf Wiedersehen.” Der Deutschkurs geht gerade erst in die dritte Woche. Stolz reicht mir Fatima das Handy zurück. Sie will ab sofort deutsch reden. Ich bin baff. Die meint das ernst. Die wird das schaffen.

Ich erwische mich beim Gedanken: Was, wenn sie es schneller schafft als ihr Mann? Fatima und Mohammed sind ein schönes Paar, ein gutes Team. Er der emotionalere, sie die strengere. Sie ist fromm; er tränke, würde sie nicht so tadelnd schauen, gern ab und zu ein Glas Bier. Er braucht Menschen, die ihn halten; wenn er allein ist, versinkt er oft in tiefe Traurigkeit. Sie hält ihn. Schon daheim war sie, mit drei kleinen Kindern, voll berufstätig. Was, wenn sie hier Arbeit findet und er nicht? Was wird das mit der Beziehung machen? Hält er das aus?

“Du wirst kochen lernen müssen, Mohammed”, scherze ich. “Er kann gut kosten”, scherzt Fatima. Ja, natürlich beobachten wir sie. So wie sie uns beobachten.

Fatima kocht großartig. Auch das hilft über Sorgen manchmal hinweg. Ihre gefüllten Weinblätter sind raffinierter gewürzt als in jedem Restaurant. Schon mehrmals hat sie mit großem Erfolg Partys bekocht. Wir diskutieren das ernsthaft als Joboption. In der Gastronomie werden dringend Leute gesucht, sage ich. Wir denken uns schon Namen für ihr Catering-Service aus, als ich plötzlich vor meinen eigenen Worten erschrecke. Seit Jahrzehnten gibt es in Österreich Förderprogramme, um mehr Frauen in Technikberufe zu bringen. Und dann kommt eine Technikerin aus Syrien nach Österreich, und eine Feministin rät ihr hier, es vielleicht doch besser mit Kochen zu versuchen. Geht es noch absurder?

Essen kostet Geld. Immer noch lebt die Familie von den Spenden unserer Freundinnen und Freunde, und es fällt Fatima nicht leicht, es zu sagen, wenn das Geld schon wieder weg ist.

Doch es gibt in Wien Sozialmärkte, wo man billig einkaufen kann. Fatima, ihre Schwester und ich schieben uns durch die Regale. Es ist eine triste, willkürliche Ansammlung von Zeug, das anderswo übriggeblieben ist: Gewürzmischungen, Asia-Nudeln, Schokoladenikolos. Überraschend freundlich gehen die Menschen miteinander um. Die Pensionistin mit dem sorgfältig ondulierten Haar, die quälend langsam ihre Groschen abzählt, ohne dass jemand in der Schlange ungeduldig wird. Der Trinker, der sich bemüht, staatstragend zu wirken, während er seine Bohnenkonserve hinausträgt. Die dicke serbische Roma-Mama im Glitzerpulli, die per Handy den Einkauf für die Großfamilie koordiniert. Und die Frau an der Kassa, die Fatima einkaufen lässt, obwohl sie offiziell nicht dazu berechtigt ist (ohne Asylbescheid keine Mindestsicherung, ohne Mindestsicherung keine Einkommensbestätigung, ohne Einkommensbestätigung kein Berechtigungsausweis). Kein Gekeife, keine spitzen Ellbogen, weniger zumindest als beim Meinl am Graben. Ich finde es interessant. Nur Fatima passt überhaupt nicht hierher.

Wir halten im Bus unsere Beute, Kärntner Kasnudeln, abgelaufene Fruchtjoghurts. Reden über die Not der Zwischenkriegszeit, über arme Leute in Wien, ein bisschen Heimatkunde. “Aber Sibila, wir waren nicht arm”, bricht es aus Fatima heraus, und plötzlich nehmen die Tränen keine Ende mehr. Das dreistöckige Haus, der Garten, das Auto. Alles.

“Doch, wir sind jetzt arm”, sagt ihre Schwester und nimmt sie in den Arm, “und es ist gut, dass es hier diese Geschäfte gibt.” Ich stammle noch etwas über die Bosnien-Flüchtlinge, dass es wieder bergauf gehen wird, leere Beschwichtigungen. Aber erst als ich ehrlich bin, schaut mich Fatima wieder an. “Ich bin auch nicht arm”, sage ich, “ich war heute auch zum ersten Mal im Sozialmarkt.”

Inzwischen ist die Silvesternacht von Köln passiert. Klar kriegt Fatima mit, wie die Stimmung kippt. Als sei eine Schleuse aufgegangen, und die ganze aufgestaute Abneigung bricht sich Bahn. Viele haben offenbar nur auf einen Anlass gewartet, nach dem sie sagen können: Okay, jetzt reicht’s mit den Flüchtlingen, fertig, aus.

Mir fällt auf, wie Fatima neuerdings den Kopf einzieht. Manchmal, sagt sie, überlegt sie es sich im letzten Moment nochmal und geht dann doch nicht auf die Straße. Auch die Männer machen sich in diesen Tagen kleiner. “Das hat doch nichts mit euch zu tun!”, sagt man dann und weiß gleichzeitig, dass das nicht stimmt. Es hat alles miteinander zu tun. Nach Köln wird es immer weniger Wohnangebote geben, immer weniger Spenden, immer mehr böse Blicke auf Frauen, die Kopftuch tragen, und immer weniger Vertrauen.

Die Grenzen sind ja noch offen zu dieser Zeit. Unsere Volksschule hat mittlerweile 30 Flüchtlingskinder, die Klassen sind übervoll, und selbst die engagiertesten Lehrerinnen sagen, mehr ginge jetzt nicht mehr. Erst im Nachhinein wird klar, dass die Zäsur von Köln eine doppelte war: Sie markierte auch einen Moment der Erschöpfung.

Nach vier Monaten weiß man, dass es mit ein paar Kleiderspenden nicht getan ist. Dass es eine lange Reise wird und jeder, jede Einzelne Zeit brauchen wird, Ressourcen, Zuwendung. Je mehr jeden Tag kommen, desto drängender die Frage: Wer wird sich denn kümmern? Sie zur Schulanmeldung begleiten, mit ihnen Deutsch lernen, chatten, kochen? Und wo werden sie alle wohnen und arbeiten?

Auf Facebook werden die Appelle gegen Grenzzäune immer flammender. Die Grenzen müssen offen bleiben! Asyl für alle! Ich höre es, ich verstehe es theoretisch, aber es fühlt sich nicht mehr richtig an.

Und ein paar Wochen später, auf der Parkbank, höre ich mich sagen: “Es wird jetzt alles leichter, Fatima, wenn nicht mehr so viele kommen.” Da haben sie gerade die Balkanroute zugemacht. Tief drinnen bin ich erleichtert. Und ich glaube, Fatima ist es auch.

Im März bekommen Fatima und ihre Familie den positiven Asylbescheid. Endlich. Monatelang haben sie gezittert, gewartet, sich miteinander verglichen: Warum hatte Mustafa schon den zweiten Termin und ich noch gar keinen? Hab ich bei der Erstbefragung einen Fehler gemacht? Haben sie meinen Akt verloren? Mich vergessen? War ich dem Beamten unsympathisch?

Parallel dazu immer die Nachrichten von der Front. Die Schlacht um Kobane. Die Hungernden in Deir ez-Zor. Die Bombardierung von Aleppo. Der Krieg rauscht stets im Hintergrund, man liest ihn mit in Fatimas Facebook-Timeline, und mitten in einem Gespräch über Alltägliches kann ein Blick plötzlich leer werden, wegdriften, und der Krieg steht mitten im Zimmer.

Fatimas erster Winter in Wien war so mild, als habe er sie schonen wollen. Als er vorbei ist, ist sie schon in die Rolle der Vermittlerin gerutscht. Sie übersetzt für andere Eltern in der Schule, hilft Neuankömmlingen bei Amtswegen, sie liest im Supermarkt Verzweifelte auf und bringt sie zu uns. Sie hat einen präzisen Blick dafür, wo man mit einer kleinen Intervention viel bewirken kann.

Als es wärmer wird, will Fatima Rad fahren. Sie hat es noch nie versucht. Wir sind im Augarten, sie trägt Turnschuhe und Jeans. Auf der Wiese, auf den Spielplatzbänken, überall schauen Leute, aber sie lässt sich nicht beirren. Ich halte den Gepäckträger. Kaum lasse ich los, kracht sie ins Gebüsch, immer wieder. Es ist anstrengend. Fatima schwitzt. Ihre Hände sind schon von Zweigen zerkratzt. Dreijährige sausen auf ihren Laufrädern vorbei, lachen, winken. Auf einem Weg mit minimaler Neigung geht’s dann besser: rollen, Füße auf die Pedale, weitertreten. Fünfmal, zehnmal, zwanzigmal stapft sie tapfer den Weg hinauf.

Sie wird an den nächsten beiden Tagen weiterüben, allein. Ihre Schwester verrät es mir. Aber Fatima will es mir erst zeigen, wenn sie es kann. Die beißt sich durch, alles wird gut, denke ich mir.

Doch dann beginnt der Ramadan. Der Fastenmonat fällt heuer in die heißeste Zeit des Jahres, mit den längsten Tagen. Gegessen wird nachts. In Syrien könnte man dann tagsüber schlafen, doch hier muss man trotzdem in die Schule und zum AMS-Termin. Das ist anstrengend.

Gleichzeitig ist in dieser Zeit so viel los wie nie: Sportcamps, Open-Air-Konzerte, Gartenfeste. Aber wer von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht einmal einen Schluck Wasser trinkt, kann da nicht dabei sein. Alle unsere syrischen Freunde sind plötzlich abgetaucht, Fatima inklusive, und wenn sie kurz auftauchen, gehen sie am Zahnfleisch. Nichts geht mehr. Das freitägliche Picknick, das der Elternverein organisiert hat, fällt den ganzen Juni aus. Die syrischen Eltern fehlen beim Schulfest, beim Sportfest, beim Buffet, bei der Verabschiedung der Lehrerinnen, bei jeder Party. Sogar unser Deutschkurs zerbröselt.

In diesen Wochen zerschellen viele Erwartungen. Wir hatten Ausflüge machen wollen. Die ersten Zeugnisse der Kinder feiern, die ersten geschafften Deutschprüfungen der Erwachsenen. Wir hatten den Ramadan nicht mitgedacht. Und als er dann endlich vorbei ist und sie mit uns das Zuckerfest feiern wollen, ist schon Juli, Sommerferien und Urlaub. Blödes Timing.

Zumal parallel dazu auch die Debatte ums Baden eskaliert. Die syrischen Kinder gehen gern baden. Die syrischen Männer auch. Wir ebenfalls. Aber ich will nicht mit syrischen Männern und Kindern baden gehen, solange die syrischen Frauen zu Hause bleiben.

Fatima fürchtet sich von klein auf vor Wasser, sagt sie. Den traumatischsten Moment ihrer Flucht, im Schlauchboot auf der Ägäis, hat sie mir ja schon bei unserer ersten Begegnung erzählt. Sie diskutierten damals, wer wen festhalten soll, falls sie kentern: Mohammed nimmt Fatima und die kleine Tochter; der Schwager die beiden größeren Kinder. Die Hilflosigkeit sei unerträglich gewesen, sagt Fatima. Wie Ballast habe sie sich gefühlt, unfähig, ihre Kinder zu retten. Die Schwimmweste um die Brust geschnürt, die Hand am Bootsrand verkrallt, schwor sie sich damals: Wenn wir das überleben, werde ich schwimmen lernen.

“Du wolltest schwimmen lernen, Fatima”, sage ich irgendwann. “Ja, ich will”, sagt sie. “Okay, dann gehen wir ins Schwimmbad.””Gut. Wo ist das Schwimmbad für Frauen?””So etwas gibt es in Wien nicht.” “Dann kann ich nicht schwimmen gehen.”

Ende des ersten Anlaufs. Ich habe ein Bild im Kopf: die Alte Donau, eine Wiese, ein Strand voller entspann ter, aufmunternder Menschen. Es wird so lange geplanscht, bis Fatima ihre Angst vor dem Wasser verliert. Ich glaube, dass das in Österreich möglich ist. Ich will Fatima beweisen, dass es möglich ist. “Schau, bei uns ist das alles kein Problem. Frauen schwimmen, Männer schwimmen, Kinder schwimmen, das Wasser ist für alle da, alle miteinander, ganz easy, alles ganz normal.”

“Sibila.”, sagt sie, als sei ich begriffsstutzig, “ich bin Muslima. Ich trage Hijab!” Mohammed will vermitteln. Er sucht auf dem Handy Burkinis in verschiedenen Farben, zeigt sie uns, wischt durch die Fotogalerie. Ich plädiere eher für einen Badeanzug im Stil der 20er-Jahre, mit Bein, dazu eine Badehaube. “Es ist völlig egal, was du anziehst. Keiner interessiert sich dafür, niemand schaut hin”, sage ich. Es sind zähe Verhandlungen um jeden Zentimeter Stoff. Fatima ist nicht überzeugt. Ende des zweiten Anlaufs. Ich habe noch nicht aufgegeben.

Doch dann passiert etwas. Zwei junge Frauen aus unserer Gruppe gehen mit einer Wiener Freundin ins Stadionbad. Mit Burkini und Gymnastikhose planschen sie im Wasser, sie machen das zum ersten Mal, es ist befreiend, es ist schön. Aber es dauert nicht lang, bis die Mädchen von einer Horde wütender Frauen eingekreist und rassistisch beschimpft werden, bis sie verstört das Bad verlassen.

Die Szene macht auf Facebook die Runde. Ich fühle mich beschämt. Es ist alles nicht wahr, was ich predige, wird mir plötzlich klar. Es ist gelogen, dass Fatima anziehen kann, was sie will. Es ist gelogen, dass sie beim Schwimmenlernen selbstverständlich auf die Hilfe hiesiger Menschen zählen kann. Alles easy, alles ganz normal zwischen Männern und Frauen? Bei uns sind Menschen frei? Nein, in diesem Sommer, in dem das Bad zur Kulturkampfarena geworden ist, stimmt das längst nicht mehr.

Ich erinnere mich nach dem Vorfall im Stadionbad, an die Niqab-Frau in der Kindergartenstelle und an das Bedürfnis, Fatima vor Österreich schützen zu wollen. Aber will sie das überhaupt? Langsam dämmert mir: Ich hadere wohl eher mit meinem eigenen Land. Das nicht so ist, wie ich es gern hätte.

Dann habe ich Geburtstag. Eine laue Spätsommernacht, unser Garten ist voll. Die Kinderbande spielt Einbrecherjagd. Die Hälfte der Erwachsenen trinkt viel Alkohol, die andere Hälfte Apfelsaft. Die eine Hälfte hat einen EU-Pass und interessante Berufe, die andere Hälfte bezieht inzwischen Mindestsicherung. A., der Friseur. G., die Mathematiklehrerin. M., der Klimatechniker, der Kinder zum Jauchzen bringt, wenn er sie einarmig hochstemmt. H., die Apothekerin. S., der in Damaskus einen Computerladen hatte. R., die tanzen will. Lauter sehr verschiedene Menschen, die nur der Krieg und der Zufall in diesen Garten gebracht haben.

Die Dämmerung senkt sich, ich schaue in die Runde. Einige dieser Leute werden in den nächsten Monaten hart landen. Wenn sie die ersten Jobangebote vom AMS kriegen: Putzen, Küchenhilfe. Wenn sie aus ihren Übergangswohnungen rausmüssen. Manche Kinder kommen in der Schule gut mit, andere nicht. Es gibt viele Gründe für Sorge und viele für Ungeduld.

Aber dann schaue ich zu Fatima. Sie sitzt in der Mitte, in ein lebhaftes Gespräch vertieft, auf Deutsch. “Du musst Geduld mit uns haben, Sibila”, hat sie mir einmal gesagt, ” manchmal ist unser Kopf so voll.”

Du hast recht, Fatima, denke ich jetzt, während ich ihr beim Gestikulieren zuschaue. In zehn Monaten hast du einen Teil deiner Familie verloren, dein Haus, deine Arbeit, dein Vermögen, dein Land. Einen anderen Teil deiner Familie hast du in diesen zehn Monaten gerettet, neue Freunde gefunden, so gut Deutsch gelernt, dass du diesen langen Text lesen kannst, und Radfahren kannst du auch.

Ich bin mit dir noch nicht fertig, Habibi. Nächsten Sommer schwimmen wir. Wenn der Krieg vorbei ist, zeigst du mir Syrien. Du hast es versprochen. Ich lass dich nicht aus.


Der 2. Teil dieser Geschichte wurde in der FALTER-Beilage Feminismus 2017 veröffentlicht und kann hier als e-Paper gelesen werden: https://www.falter.at/falter/e-paper/lesen/489/feminismus



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