Gelesen Bücher, kurz besprochen

Ein Land, das es nicht mehr gibt

EMRAN FEROZ | Politik | aus FALTER 35/16 vom 31.08.2016

In ihrem neuen Buch "Syrien zwischen Licht und Schatten" zeichnet die deutsche Nahostjournalistin Karin Leukefeld jenes Bild vom Bürgerkriegsland, das den meisten Menschen im Westen weiterhin unbekannt ist. Dies hat vor allem mit der Tatsache zu tun, dass die Autorin äußerst interessante und sehr verschiedene Personen, die die Umbrüche im Land seit jeher miterlebt haben, zu Wort kommen lässt.

Viele dieser Menschen -teils wandelnde Geschichtsbücher, die sowohl den Osmanen als auch den Briten und Franzosen ausgeliefert waren - vermissen vor allem jenes Syrien, das es nicht mehr gibt. Ein Land, in dem Christen, Muslime und andere Konfessionen friedfertig miteinander lebten und trotz eines repressiven Machtapparats gewisse Freiheiten genießen konnten.

Leukefeld macht in diesem Kontext auf historische Fakten aufmerksam und weist immer wieder explizit darauf hin, dass es vor allem die französisch-britische Kolonialpolitik gewesen ist, die das Land zerstört hat. Die Nachwirkungen davon spüren die Syrer ohne Zweifel auch in diesen Tagen.

Im Laufe der Lektüre gewinnt man dennoch teils den Eindruck, dass die Autorin dem arabischen Nationalismus ein Stück zu sehr huldigt. Dabei war jener Panarabismus, der unter Gamal Abdel Nasser seinen Höhepunkt erreichte, Teil des Problems. Durch die autoritäre Politik der arabischen Führer, die keine Kritiker um sich dulden konnten, wurde großteils erst jener unheilbringende religiöse Extremismus gesät.

Und auch wenn Leukefeld dies nur ungern zugeben will: Dies ist in Anbetracht der zahlreichen Massaker des Assad-Regimes, die in ihrem Buch leider viel zu selten Erwähnung finden, auch weiterhin der Fall.

Karin Leukefeld: Syrien zwischen Schatten und Licht. Menschen erzählen von ihrem zerrissenen Land. Rotpunktverlag, 336 S., € 24,70


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