Die Gerüche und Geschmäcker der Kindheit: Leben und Kino im Iran

FILMKRITIK: MICHAEL OMASTA | Feuilleton | aus FALTER 35/16 vom 31.08.2016

Es gibt Filme, die man schon wegen ihres Titels einfach sehen muss. "Rote Rüben in Teheran" zum Beispiel. Auf Einladung des Filmfestivals von Isfahan besucht Houchang Allahyari, der seit bald einem halben Jahrhundert als Psychiater und Regisseur in Wien lebt, darin seine alte Heimat. Begleitet wird er von einem seiner erwachsenen Kinder, Tom-Dariusch Allahyari, der vorher noch nie im Iran gewesen war.

Gemeinsam haben Vater und Sohn nun einen Dokumentarfilm über ihre Reise gemacht. Erfreulicherweise ist das Ergebnis kein konventioneller Travelogue, sondern eine von den Geschmäckern und Gerüchen einer fernen Kindheit durchwehte Familiengeschichte, in welcher der Film selbst eine wesentliche Rolle spielt.

Schon als Kind lernte Allahyari senior das Kino zu lieben; seine Komplizin war die Großmutter, die jeden neuen Film sehen musste und ihren Enkel gerne als Vorwand dazu gebrauchte. Der strenge Urgroßvater, dessen Porträt heute im Filmmuseum in Teheran prangt, gehörte zu den Pionieren des Kinos: In seinem Hotel soll eine der ersten Filmvorführungen im Land stattgefunden haben.

Aus kurzen Begegnungen mit Familienangehörigen, selbstbewussten Filmstudierenden und arrivierten Regisseurinnen, afghanischen Flüchtlingen und ganz normalen Leuten auf der Straße ergibt sich ein Bild des heutigen Iran, das in vielem abweicht von den Erinnerungen, die Houchang Allahyari, von den meisten respektvoll "Doktor" genannt, im Herzen trägt.

Anderes hat sich nicht geändert. So gelten die südlichen Bezirke Teherans immer noch als raues Pflaster; die U-Bahn hingegen, die sie mit dem Zentrum verbinden, ist hochmodern und es gibt Wagen eigens nur für Frauen. Ein afghanisches Mädchen stimmt ein altes Lied an. Und immer noch werden auf den Straßen heiße Rote Rüben und Bohnen verkauft. In seiner Kindheit, sagt Allahyari, hieß das Standl in seiner Gasse Metro-Goldwyn-Mayer-Rote-Rüben.

Rote Rüben in Teheran läuft ab 2.9. im Stadtkino im Künstlerhaus (OmU)


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