Neue Bücher Männer in ihren Zimmern

FEUILLETON BÜCHER : PLATTEN | aus FALTER 36/16 vom 07.09.2016

Es soll Menschen geben, die so starke Angst vor der Welt entwickeln, dass sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen. Mit dem Ich-Erzähler von Hanno Millesis Roman "Der Schmetterlingstrieb" - ein Schriftsteller mit den Initialen H. M. - verhält es sich anders. Rauszugehen scheint ihm kein allzu großes Problem zu bereiten, doch seine Wohnung zieht den obsessiv-zwanghaften Charakter derart in ihren Bann, dass sie ihm im Kleinen mehr als genug Möglichkeiten zur Welterkundung und für Abenteuer bietet.

Als Autor interessieren ihn alle Perspektiven: Mal klettert er dafür auf Schränke, dann wieder will er die Wohnung von unten betrachten und erkundet die Unterseite seines Sofas, oder er durchquert die Zimmer mit dem Fahrrad. Nach und nach wird die Wohnung selbst zur handelnden Person und scheint ihrem Bewohner Streiche zu spielen. Kurzweilig, spleenig und mit einer guten Prise Humor.

SEBASTIAN FASTHUBER

Die Scharmützel, die sich Björn mit seinem Visavis Håkan liefert, erinnern ein wenig an die Auseinandersetzungen zwischen Tim und Gareth in der britischen TV-Serie "The Office". Besorgt beobachtet der offenkundige Zwangsneurotiker, wie die Akten des Kollegen seine Schreibtischhälfte "in Beschlag" zu nehmen drohen.

Das Genre des Büro-Romans, das der schwedische Schauspieler und Schriftsteller Jonas Karlsson (Jg. 1971) hier bedient, hält reichlich Potenzial für Fremdschämen bereit. Mit gestrengem Auge beobachtet Björk die Kollegenschaft und kommentiert deren Verfehlungen in einer Sprache, die sich dem Verwaltungsjargon fast schon restlos anverwandelt hat. Inspiration und Regeneration wird Björk im titelgebenden "Zimmer" zuteil. Dass dessen Existenz vom Rest der Belegschaft bestritten wird, sorgt für beträchtliche Irritation aller Beteiligten und beträchtliches Vergnügen bei den Lesern.

KLAUS NÜCHTERN


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