"Ich schmeiße keine Kunst weg"

Für das Galerienfestival curated by_vienna hat Diedrich Diederichsen das Thema geliefert

FALTER : WOCHE | INTERVIEW: NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 36/16 vom 07.09.2016


Foto: Charim Galerie

Foto: Charim Galerie

Internationale Kuratoren mit heimischen Galerien zusammenbringen: Das ist das Ziel von curated by_vienna, das diese Woche zum achten Mal über die Bühne geht. Für den thematischen Überbau wurde heuer der Kulturkritiker Diedrich Diederichsen eingeladen, der den Essay „Meine Herkunft habe ich mir selbst ausgedacht“ beigesteuert hat.

Falter: Herr Diederichsen, sammeln Sie selbst Kunst?

Diedrich Diederichsen: Ich freue mich über Geschenke von Freunden und schmeiße keine Kunst weg. Ich habe zwar in meinem Leben nur eine einzige Arbeit gekauft, aber ich besitze einiges an Kunst. Die Sammlung funktioniert aber eher wie ein Fotoalbum – Erinnerungen – als wie eine normale Kunstsammlung.

Früher haben Sie über Pop geschrieben, jetzt geht Kunst vor.

Diederichsen: Nein, das war immer gleich stark. Als ich professionell zu schreiben begann, hatte ich Kino, bildende Kunst und Popmusik gleichermaßen auf der Liste. Bei meinem ersten Redakteursjob wurde ich offiziell als Filmkritiker eingestellt – allerdings bei einer Musikzeitschrift – und habe parallel über Kunst geschrieben.

In ihrem Essay schreiben Sie über „Adoptivgroßväter und -mütter“, die junge Künstler wählen. Ist es nicht schon fast ein Ritual, Referenzen an ältere Positionen aufzuzählen?

Diederichsen: Es gibt ja immer noch die Leute, deren Legitimation darin besteht, von wem sie ausgebildet wurden. Wenn sie das Glück haben, bei jemand studiert zu haben, der gerade angesagt ist oder wiederentdeckt wird, ist alles wunderbar. Dann gibt es jene, die sich tatsächlich jemanden frei aussuchen, der für sie eine entscheidende Rolle spielt, den oder die sie zitieren. Das ist vorherrschend, darum geht es bei curated by_vienna. Auch das dritte Modell regt sich wieder. Das sind futuristische Gesten, so als wäre es wieder möglich mit der Behauptung aufzutreten, man wäre ganz neu und hätte keine Vorfahren. Im Moment ist das die Berufung darauf, die erste Generation der digital natives zu sein, die Kunst aufgrund von Erfahrungen produziert, die ältere Generationen nicht haben, weil es in ihrer Kindheit zum Beispiel noch kein Instagram gab.

Nach der Meisterklasse kommt oft der Galerist als prägende Größe. Wie gehen Sie mit den Schwierig-keiten von Studierenden um, auf dem Kunstmarkt Fuß zu fassen?

Diederichsen: Ich versuche mich da relativ rauszuhalten. Ich bin ja auch kein künstlerischer Lehrer, sondern Theoretiker. Bei mir machen weniger Leute einen Abschluss, die unbedingt Künstler werden wollen.

Was finden Sie als Vorbereitung besser: Die Studierenden für „freie“ Entwicklung so lange wie möglich vom Betriebssound abzuschirmen, oder sie über den Kunstmarkt aufzuklären?

Diederichsen: Weder noch. Fernhalten ist Quatsch und Kitsch, aber den Umgang mit Galerien zu lehren, finde ich auch grauenhaft. Daran sollte man keine Denkzeit verschwenden, sondern besser gesunde Skepsis und Selbstvertrauen fördern.

Liegt Ihnen das Kuratieren?

Diederichsen: Ja, aber nur in den losen Rhythmen, in denen ich das gemacht habe. Am Ende ist es jedesmal so, dass ich „nie wieder“ sage. Das Menschliche ist naturgemäß anstrengend. Beim Schreiben habe ich es hingegen nur mit toten Zeichen zu tun.

Wie finden Sie Wiens Galerienszene?

Diederichsen: Der Vorteil ist, dass ich es hier schaffe, in die Ausstellungen zu gehen. In Berlin sind es zu viele. Man könnte Wien gut mit der alten Kölner Galerienszene vergleichen, wo in den 1980er Jahren fast alles im selben Viertel war. Das sorgte für Intensität. Nur ist heute die Zeit, in der Galerien die einzigen institutionellen Impulsgeber waren, auch eher vorbei. Hinter uns liegen die selbst organisierten 1990er mit ihren Off-Spaces, die Biennalen-Jahrzehnte und der Boom der Kuration.

Eines ihrer Bücher trägt den Titel „Eigenblutdoping“. Wie würde so eine Infusion bei einem Galeristen aussehen?

Diederichsen: Der „Eigenblutdoping“-Gedanke betrifft das zeitgenössische Subjekt überhaupt, so eine Steigerung von Narzissmus, bei der man nicht einfach nur in sein Spiegelbild verliebt ist, sondern es sich als Droge reinschießt. Einige meiner besten Freunde sind Galeristen, aber in ihre berufliche Lage kann ich mich nur schwer hineinversetzen.

So weit vom Merkantilen entfernt?

Diederichsen: Vom Unternehmerischen, ja. Außerdem überrascht es mich jedesmal wieder, welche Kunst kommerziellen Erfolg hat. Christoph Menke hat mal den Erfolg des Malers Neo Rauch kunstphilosophisch erklärt – das könnte ich nicht. F

curated by_vienna, bis 15.10.; Symposium mit D. Diederichsen, Secession Fr 14.00–19.00


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