Film Neu im Kino

Gespielte Leben: "Brüder der Nacht"

LEXIKON : FILM | SABINA ZEITHAMMER | aus FALTER 36/16 vom 07.09.2016

Sie sind jung, schön und stolz, haben in ihrer Heimat Bulgarien großteils Frau und Kind und verdienen in Wien Geld, indem sie ihre Körper an homosexuelle Männer verkaufen. Er habe sie sofort filmen wollen, als er sie kennenlernte, so Patric Chiha, der zufällig auf die Bar stieß, in der die jungen Roma ihre Freier treffen. Der Regisseur gewann das Vertrauen der Burschen und bot ihnen eine experimentelle Bühne. Das Ergebnis ist "Brüder der Nacht", eine Mischung aus Dokumentar-und Spielfilm, in dem die Protagonisten ihr eigenes Leben darstellen.

Mit einer Kiste voll Kostümen, einer Nebelmaschine und der Kamera rückte das Filmteam an. Mal im Matrosenanzug wie in Fassbinders "Querelle", mal im Kleid, mal im Achselhemd, mal in ihren Bomber-und Lederjacken schlüpfen die Burschen in die Rolle der Stricher und der Freier, sprechen über ihre Arbeit, Geld, Frauen und die Zukunft, lügen und prahlen, stehen rauchend auf der Straße, trinkend in Bars oder versammeln sich in ihrer ärmlichen Wohnung.

In künstliches, buntes Licht getaucht schuf Chiha einen Film der Ambivalenzen: Die Burschen lachen über ihre Kunden, erzählen vom Ekel vor den alten Männern. In der Bar werden sie von diesen befühlt wie auf dem Sklavenmarkt. Wer noch keine (arrangierte) Ehe eingegangen ist, spart dafür Geld, gleichzeitig wird der nächste Besuch im Puff geplant.

Der Film stellt diese Widersprüche ohne Kommentar so ungeordnet nebeneinander, wie sie sind, und kommt den jungen Männern in seiner spannenden Verspieltheit erstaunlich nahe. Ihrer Situation etwas entgegensetzen kann und will "Brüder der Nacht" allerdings nicht: Auch die große Schlussszene, ein Moment der Lebensfreude beim Tanzen, durchweht der Atem einer völlig ungewissen Zukunft.

Ab Fr im Kino (OmU im Stadtkino im Künstlerhaus)


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