TV-Kolumne

Zeit am Schirm


BIRGIT WITTSTOCK
Medien | aus FALTER 37/16 vom 14.09.2016

Ein Weilchen in den Schuhen des anderen zu gehen, um zu spüren, wo sie drücken, ist ja grundsätzlich keine schlechte Idee. Zumindest, wenn man nicht in die Hochmutsfalle tappt, zu meinen, die persönlichen Eindrücke ließen sich verallgemeinern, und vor allem, wenn man dieses Experiment nicht zum Selbstzweck macht.

Im Gegenwartsjournalismus ersetzen Selbstversuche gerne einmal sachliche Recherchen. Geht schneller, ist billiger, schafft mehr Publikum. Das Ergebnis ist dann Trashtainment, wie derzeit auf RTL in "Das Jenke-Experiment" zu sehen ist: TV-Reporter Jenke von Wilmsdorff, der schon so ziemlich jeden sozialpornofähigen Lebensbereich zum Selbsttest verwurschtet hat - Flucht, Armut, Alkoholismus, Fettleibigkeit, Rollstuhl, sogar alleinerziehende Mutterschaft -, experimentiert diesmal vor laufender Kamera mit diversen bewusstseinsverändernden Substanzen. Das Ergebnis ist so gnadenlos schlecht und unfreiwillig komisch, dass man Jan Böhmermanns jüngste Parodie auf das Format in der originalen Sendereihe ausstrahlen könnte, ohne dass es auffiele.


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